Sonntag, 31. Oktober 2010

Kapitel 2

„Rutsch mal rüber B“, hörte ich Jasper rufen, gefolgt von einem unsanften Rippenstoß. Doch ich sah gar nicht ein meinen gemütlichen Platz mit ihm zu teilen. Der letzte Abend hatte bei mir seine Spuren hinterlassen, ich hatte es wohl mit dem Whiskey übertrieben. Das merkte ich vor allem nun gegen Mittag, als die Sonne gnadenlos vom Himmel brannte. Wir hatten uns bereits vor ein paar Stunden wieder mit Rose und Emmett getroffen und pendelten alle zwischen Wasser und Strand hin und her. Vor einer halben Stunde hatte ich mich meinem Körper geschlagen geben müssen und mich auf die Liege zurückgezogen. Auch wenn meine kurzen Badeshorts inzwischen schon ziemlich trocken waren, war ich immer noch nicht dazu gekommen sie auszuziehen. Sonst trug ich die Shorts ja eigentlich nur beim Surfen und nicht wenn ich in der Sonne schmorrte. Auf die riesigen Abdrücke konnte ich gut verzichten. Doch diesmal war es mir egal.

„Verzieh dich Jazz. Lass mich in Ruhe, der Sand ist gut genug für dich“, grummelte ich ohne die Augen zu öffnen.

„Ach komm schon Bella, guck doch erst mal was ich für dich habe.“ Dem Geruch nach zufolge musste er mir einen herrlich duftenden Hot Dog direkt unter die Nase halten. Mist, Mist, Mist, dieser gerissene Schweinehund. 

„Ich hab keinen Hunger“, meinte ich daraufhin lauter als nötig zu ihm. Und hoffte damit das leise Knurren meines Magens übertönen zu können. Jetzt musste ich dafür büßen, dass ich am Morgen nicht in der Lage dazu war, mehr als nur eine Scheibe Toast zu essen. Nie wieder Alkohol. 

Leider gab Jasper nicht so schnell auf, immerhin lockte ja ein Sitzplatz auf meiner bequemen Liege. „Schau doch mal, ein schöner heißer Hot Dog, ganz so wie du ihn liebst.“ Ahh, scheiß manipulativer Idiot. 

„Scheiße Jay, das ist ein hinterhältiger Bestechungsversuch.“

„Mhh köstlich, mit extra viel Röstzwiebeln und natürlich Hamburgersoße. Lecker!“, er lockte mich ohne auf meine Einwände zu reagieren. Dieser Bastard wusste genau, dass ich dem Duft nicht lange widerstehen konnte.

„Das ist gemein!“, jammerte ich und schmollte. „Ich will meine Liege nicht teilen.“ Dennoch lugte ich vorsichtig unter meinen Wimpern hervor. Eindeutig ein Fehler! Denn sofort war klar, dass ich den Kampf verloren hatte. Frustriert stöhnte ich auf und machte ihm Platz. „Jasper du Arsch, ich hasse dich.“

Jasper ließ sich auf seinen gerade eroberten Platz fallen, behielt aber das Objekt meiner Begierde weiter in der Hand. „Nah, immer diese ordinäre Ausdrucksweise.“, ermahnte er mich.

Na als ob er auch nur einen Deut besser wär. „Laber nicht, schieb rüber das Ding!“ Unterstützt wurde meine Forderung durch ein lauteres Magenknurren. Jasper hatte ein Einsehen mit mir und so konnte ich endlich den verlockend riechenden Hot Dog verdrücken. Dafür hatte es sich sogar gelohnt, ihm Platz auf meiner Liege zu machen. Genüsslich leckte ich nach dem letzten Bissen meine Finger ab und seufzte zufrieden.

„War das ein Danke?“, fragte Jasper frech.

„Vielleicht.“ Ich ließ meinen Blick übers Wasser schweifen und sah Alice auf eine sich auftürmende Welle zusteuern. Emmett und Rose hatten bis gerade im seichten Wasser herumgealbert, doch setzten sich gerade wieder zu uns. Wie so oft fielen mir meine Locken ständig vor mein Gesicht, allerdings nicht unbedingt unbeabsichtigt. 

Nach ein paar Minuten fiel mein Blick auf den Parkplatz und damit auch auf Emmetts Auto. Sofort breitete sich in mir ein enormes Interesse aus, mal mit seinem Schätzchen zu fahren. Ich fasste mir ein Herz. „Du Em, kann ich dich mal was fragen?“

„Immer doch Bella, schieß los.“

„Also, besteht irgendeine Möglichkeit, dass ich deinen Q7 mal Probefahren darf?“, fragte ich schließlich frei heraus.

Daraufhin sah er mich unsicher aus großen Augen an und kratzte sich am Kopf. „Ehm nun ja, ich weiß nicht.“ Mir war ja schon klar gewesen, dass es nicht leicht werden würde. Ich war schließlich auch extrem pingelig wenn es um meine Autos ging. Dennoch hoffte ich, Emmett dazu bringen zu können, mir eine Chance zu geben.

Dafür bekam ich tatkräftige Unterstützung von Jasper. „Gib lieber nach Em, so schnell gibt sie jetzt nicht auf. Bella hat ein Faible für tolle Autos und würde eher sich etwas antun, als leichtsinnig einen Unfall zu verursachen.“ Ich nickte zustimmend, denn damit lag er zu einhundert Prozent richtig. Doch in Emmetts Blick war seine Skepsis immer noch deutlich zu erkennen. Auch Rose musterte mich neugierig und schien einschätzen zu wollen, ob Jaspers Aussage wohl stimmen könnte. Aber der war noch nicht fertig und fügte hinzu. „Und wenn sie ihren Spyder im Griff hat, dann doch auch wohl deinen Q7.“

„Also ich weiß ja nicht, immerhin ist der Q7 getunt“, kommentierte Rose.

Doch Jasper zeigte sich unbeeindruckt. „Ihre Karre auch.“

Die beiden funkelten sich einen Moment lang an und von Emmett war ein leises Glucksen zu hören. Ich konnte mir ein Schmunzeln ebenfalls nicht verkneifen und sah zu ihm. Daraufhin mussten wir beide erst Recht lachen und die zwei Kampfhähne sahen uns verständnislos an. „Was? Was streitet ihr euch denn deswegen? Immerhin geht es um Bellas Fahrkünste und meinen Wagen“, meinte Emmett.

Von Rose kam leise. „Den ich dir aufgemotzt habe, mein Lieber.“

„Ja Schatz, trotzdem!“, entgegnete er wieder und wandte sich dann an mich. „Komm Bella, lass wir die beiden das alleine ausdiskutieren. Wir machen jetzt eine Spritztour.“

Ich konnte mein Glück kaum fassen. „Echt? Danke Emmett.“

„Kein Ding.“ Bei Emmetts Aussage war Rose der Unterkiefer runter geklappt und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Außerdem umarmte ich ihn kurz. War ich selbstgefällig in dem Moment oder vielleicht schadenfroh? Nein, gaaar nicht. Nie im Leben. Ich doch nicht. Sowas käme mir doch niemals in den Sinn.

Nur wenige Minuten später saß ich hinterm Steuer von Emmetts Heiligtum und strich sanft über das dunkle Leder der Innenausstattung. Ich musste zugeben, dass Rose ganze Arbeit geleistet hatte. Der Wagen war sowohl von innen als auch von außen ein Traum und das ohne zu wissen, welche Leistung das Baby erzielen konnte. Nach unserer kleinen Fahrt war ich hellauf begeistert und versprach Emmett sogar, dass auch er die Chance bekommen würde meinen Audi R8 Spyder zu fahren. Es hatte Jahre gedauert bis ich Alice auch nur irgendeins von meinen Autos hatte fahren lassen. Nicht einmal den alten Truck, den ich in der High School Zeit gefahren bin, hatte ich sie fahren lassen. Ich hatte erst nachgegeben, nachdem ich ihr ein Fahrtraining zum Geburtstag geschenkt hatte.

Zufrieden wie ein Kleinkind, bei dem Weihnachten, Halloween und Geburtstag auf einen Tag gefallen waren, kam ich mit Emmett wieder am Strand an. Dort hatte sich inzwischen auch Edward eingefunden und als wir zu ihnen stießen, platzten wir in eine Expertendiskussion zwischen Rose, Edward und Jasper über Autos und Motoren. Edward hatte sich lässig im Sand ausgestreckt und sah in seiner dunkelgrünen Shorts und dem schlichte grauen Shirt einfach zum Niederknien aus. Als Alice mich sah, verdrehte sie genervt die Augen während sie mit dem Kopf auf die Experten deutete. Ich musste schmunzeln, wenn sich die Unterhaltung schon die ganze Zeit über um das gleiche Thema drehte, dürfte es eine verdammt lange Stunde für sie gewesen sein.

Gerade schien es um Jaspers Auto zu gehen, denn Rose schlug vor, dass er mit dem Wagen ja mal in der Werkstatt vorbei kommen könnte, dann würde sie ihn sich anschauen. Die beiden Streithähne von vorhin, schienen plötzlich ganz auf einer Wellenlänge zu sein. Beim Anblick von Alice musste ich noch mehr grinsen, da sie nun ganz offensichtlich jegliche Hoffnung verlor schnell von dem Thema abzukommen. Sie lehnte sich seufzend zurück und schloss die Augen.
„Wo wir gerade davon reden.“, warf Edward ein auf einmal ein und sah zu Emmett. „Wenn diese Marketing Sache für die Bar gut läuft, könnten wir ja auch vielleicht auch mal überlegen das auch für McCarthy Motors zu machen. Was hältst du davon Em?“

Der grinste nur, während er sich neben Rose setzte und entgegnete: „Keine schlechte Idee. Verdammt Masen, das ist soweit ich mich erinnern kann das erste Mal, dass du dich sinnvoll in die Geschäfte einbringst. Woher das plötzliche Interesse?“

„Fick dich McCarthy.“

Doch Edwards Kommentar wurde sofort von Rose bestraft, indem sie ihrem Bruder eine Kopfnuss verpasste und mit ihm schimpfte: „Edward! Ist doch wahr, sonst hast du keinerlei Interesse an irgendwas. Es grenzt ja schon immer an ein Weltwunder, wenn du halbwegs regelmäßig zur Arbeit kommst.“ Der Gescholtene rieb sich die Stelle, an der Rose ihn getroffen hatte und grummelte ein wenig.

Bevor es in einen ausgewachsenen Geschwisterstreit ausarten konnte, versuchte ich die beiden abzulenken. Hinzu kam, dass sie ja über einen möglichen Auftrag für mich redeten. Auch wenn ich schon grob wusste, dass Emmett noch einen Autohandel besaß. Außerdem sollten Emmett, Rose und Edward ja nicht wissen, dass ich besser informiert war als sie ahnten. Es sprachen also gleich mehrere Gründe dafür, mit scheinbar großem Interesse nachzuhaken. „McCarthy Motors?“

„Mein Autohandel und unsere Werkstatt in Houston. Quasi mein erstes Standbein. Neben der Bar, die ich vor kurzem von meinem Großvater geerbt habe. Edward und Rose sind Teilhaber der Werkstatt und zuständig für die Reparaturen und das Tuning“, erklärte Emmett mir.

Ich fragte mich ehrlich, wie er das alles unter einen Hut bringen konnte. Jedes alleine bedeutete ja schon eine Wahnsinnsarbeit. Mir zumindest reichte eine Firma. „Na wenn ich mir deinen Wagen so ansehe, müssen die Geschäfte ja gut laufen.“

Er bestätigte meine Vermutung. „Ja kann man so sagen.“ Daher musste ich dann einfach nachfragen, wie er die ganze Arbeit geregelt bekam und ich bekam auch bereitwillig eine Antwort. „Die Bar mach ich ja noch nicht so lange, außerdem hat die auch nicht jeden Abend geöffnet. Die alten Kellner hab ich übernommen, die kennen den Laden ja gut. Rose ist für die Werkstatt zuständig. Außer wenn ihr feiner Herr Bruder sich auch mal dazu bequemt seinen faulen Arsch zur Arbeit zu bewegen. Dort haben wir auch noch einen Mechaniker eingestellt. Dann haben wir eine fleißige Kraft, die den ganzen Papierkram erledigt und den Verkauf mach ich alleine. Da es sich dabei um eher teure Wagen handelt, ist auch nicht allzu viel los und es wirft dennoch viel ab.“

Unbewusste dachte ich schon darüber nach, was man bei der Organisation verbessern könnte. Eine Art Berufskrankheit. Die Arbeit konnte ich halt nie ganz abschalten. War ich doch im Grunde mit ihr verheiratet. Diesmal zwang ich mich allerdings regelrecht dazu an etwas anderes zu denken. Erstens hatten sie noch nicht mal entschieden ob sie sich dafür auch einen Marketingplan erstellen lassen wollten. Zweitens war dann auch noch lange nicht gesagt, dass ich den Auftrag bekommen würde. Und Drittens, war ich mir auch nicht sicher, ob das so eine gute Idee war. Denn so gut wie wir uns verstanden, würden wir uns in der Zukunft öfter mal treffen und es würde nur noch komplizierter werden als es ohnehin schon war.

Glücklicherweise wurde ich durch Roses Frage abgelenkt. „Sag mal Bella, wie kommt es eigentlich, dass du dir einen Audi R8 Spyder leisten kannst? Das habe ich mich eben schon gefragt, der kostet immerhin rund 150.000 Dollar. Musst mit deinen 24 Jahren ja schon ziemlich gut verdienen.“

Ich wandte ihr meine Aufmerksamkeit zu und suchte fieberhaft nach einer Ausrede. Hatte ich gerade noch gedacht glücklicherweise? So konnte man sich irren. Ich musste ja auch ausgerechnet auf eine der wenigen Frauen treffen, die sich ebenfalls bestens mit Autos auskannte. Noch dazu eine, die auch noch überaus misstrauisch war. Das war mein typisches Glück, bei anderen besser bekannt als Pech. „Nun ja, ich hab gespart. Das Auto war immer schon mein Traum“, meinte ich schließlich wenig überzeugend. Wie viel konnte man als 24 Jährige schon gespart haben.

Rose schien das wohl genauso zu sehen. „Seit wann sparst du denn schon? Seit dem Kindergarten?“, fragte sich und lachte abschätzig. „Vor allem, wenn du da auch noch was dran hast machen lassen“ Verdammt, war die skeptisch. Das konnte noch Probleme mit sich bringen.

Doch wie so oft kam Jasper mir zur Hilfe. Wenn ich so darüber nachdachte, wusste ich wohl warum er bei mir oft so ein leichtes Spiel hatte mich zu etwas zu überreden. „Ich hab ihr was vorgestreckt und sie bekommt die nächsten zehn Jahre von Alice und mir keine Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke.“ Die Aussage schien sie dann doch etwas mehr zu überzeugen und ich war erlöst. Auch wenn sie noch nicht ganz überzeugt aussah. Immer wieder spürte ich ihren kritischen Blick auf mir ruhen.

Danach unterhielten wir uns noch einige Zeit über die verschiedensten Dinge. Rose diskutierte entweder mit Jasper über die Möglichkeiten für seinen Wagen oder mit Alice über die neusten Modetrends. Emmett und ich tauschten unsere Erfahrungen beim Motocross aus. Während Emmett mir von seinen und Edwards Erlebnissen auf den verschiedensten Crossstrecken berichtete, saß Edward stumm daneben und starrte Löcher in die Luft. Von Emmett drauf angesprochen, erzählte er schließlich einsilbig, dass er demnächst mal wieder zum Fallschirmspringen wollte. Daraufhin entfurh es mir begeistert: „Ehrlich? Toll, ich überlege schon seit langem es mal auszuprobieren.“ Es war immerhin eins der wenigen Dinge, die ich noch nicht ausprobiert hatte.

„Am besten sagt Ed dir einfach Bescheid, wenn er hin will. Dann kann er es dir auch gleich zeigen“, schlug Emmett kurzerhand vor. Er schien voll und ganz von seiner Idee überzeugt zu sein.

Doch nicht so sehr wir ich. „Oh ja, das wäre klasse. Würdest du das tun? Aber natürlich nur, wenn es keine Umstände macht.“ Aufgeregt und schon jetzt voller Vorfreude sah ich Edward an. Ich hoffte inständig, dass er zusagen würde.

Er fuhr sich durchs Haar und schloss für einen Moment die Augen, bevor er meinen halbherzig Blick erwiderte. Es bildete sich ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht und für einen Moment sah er gar nicht mehr so niedergeschlagen aus, etwas das bei ihm ja eher selten passierte. Schließlich nickte er. „Ja, kann ich machen. Du bist dir auch wirklich sicher, dass du es willst? So ein Fallschirmsprung ist nichts für schwache Nerven.“

„Auf jeden Fall. Ich denk darüber nach seit ich das erste Mal beim Bungeejumping war“, meinte ich lachend. „Ich glaube auch nicht, dass ich schwache Nerven habe. Dafür liebe ich solche Mutproben und den Nervenkitzel einfach viel zu sehr.“

Edward lehnte sich etwas zurück um es sich bequemer zu machen. Dabei hielt er den Blickkontakt mit mir jedoch Aufrecht. Hatte ich kurz zuvor noch das Gefühl gehabt es wäre eher halbherzig, so konnte ich nun sagen, dass er jetzt regelrecht intensiv war. Unruhig rutschte ich etwas hin und her, ich hatte das Gefühl, meinen Blick abwenden zu müssen, doch mir gelang es nicht mich dazu auch zu überwinden. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wandte Edward sich ab. Er schüttelte leicht den Kopf, wobei er krampfhaft die Augen schloss. Als er sie wieder öffnete sah er verwirrt aus und vermied es den Rest des Nachmittages mich direkt anzusehen. Dafür rieb er sich umso öfter übers Gesicht oder fuhr sich durchs Haar oder.

Wie gerne hätte ich seine Bartstoppeln entlang gestrichen, damit sie mich leicht an meinen Fingerspitzen kitzeln konnten. Wie gerne hätte ich nur kurz meine Finger ebenfalls in diesem Wirrwarr auf seinem Kopf versenkt, nur um zu erfahren ob seine Haare wirklich so weich waren wie es den Anschein hatte. Wie gerne hätte ich erneut in seine Augen sehen könnten, die einem zumindest einen beschränkten Einblick in seine Gefühle gewährten.

Auf ganzer Linie frustriert sah ich hinaus auf die Wellen. Mit einem leisen rauschen kamen die Ausläufer der großen Wellen am Strand an. Sie wirbelten sanft den Sand auf und brachten vereinzelt Muscheln, Seetang und manchmal auch kleinere Fische mit sich. Als das klare Wasser wieder zurückfloss, verwischte es zugleich alle Spuren, die sich zuvor im Sand befunden hatten. Zurück blieb eine glatte, leicht glänzende Fläche, in der nur hier und da die an Lang geschwemmten Gegenstände zu sehen waren. Der Sand wurde aufgewirbelt und alle Spuren, die sich zuvor darin befunden hatten, wurden verwischt. Es war ein ewiger Kreis, dessen Anblick mich immer Wieder beruhigte und Träumen ließ.

Dadurch bemerkte ich auch gar nicht, dass es anfing zu dämmern und bei den anderen bereits Aufbruchsstimmung aufzukommen schien. Ich raffte mich auf und half unsere Sachen zusammen zu packen und ins Auto zu bringen. Alice sorgte dafür, dass wir noch schnell unsere Nummern austauschten, um uns bald mal wieder zu treffen. Schließlich verabschiedeten wir uns voneinander und brachen in unterschiedliche Richtungen auf. Rose, Emmett und Edward fuhren wieder zu den Cullens, da sie erst am nächsten Morgen zurückfahren wollten. Wir anderen holten schnell unser Gepäck aus dem Hotel und machten uns dann auf den Heimweg. Zu Alices Leidwesen musste Jasper noch am gleichen Abend zurück nach Dallas fliegen. Dadurch, und durch die aufkommende Müdigkeit, verlief die Fahrt eher schweigsam.

~*~

Am nächsten Tag hatte mich der Alltag schon nach kürzester Zeit wieder. Sehr zu meinem Leidwesen. Alle Entspannung war hinfällig, da das Telefon scheinbar auf Dauerklingeln eingestellt war. An solchen Tagen dankte ich jedem einzelnen Gott, den die Religionen dieser Welt kannten, dafür, dass ich eine Sekretärin hatte. So wurden zumindest schon mal die etwas unwichtigeren Anrufe aussortiert und ich musste mich nicht mit jedem Scheiß auseinandersetzten. Dennoch war ich bereits nach drei Stunden im Büro wieder total abgespannt. Da half es auch nichts, dass mir meine Arbeit eigentlich Spaß machte, aber zu viele Termine konnten einem das dann halt auch vermiesen. Kurz vor 10 Uhr schnappte ich mir ein paar Unterlagen und trat genervt aus meinem Büro. Wortlos reichte mir meine Sekretärin Beth ein paar Dokumente, während sie mit der anderen Hand eifrig ein paar Notizen machte und zusätzlich den Hörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt hatte. So langsam verdiente sie für ihre Multitasking-Fähigkeiten wohl eine Gehaltserhöhung. Ich nahm ihr die Papiere ab und nickte ihr kurz zu, dann machte ich mich auf den Weg zum Konferenzraum. In einer halben Stunde war dort ein wichtiges Meeting angesetzt und ich wollte vorher noch nach dem Rechten schauen.

Routiniert kontrollierte ich, ob das Catering für alles gesorgt hatte und bereitete die Präsentation vor. Es musste gleich alles reibungslos klappen. Ansonsten hätte ich mich die letzten paar Monate ganz umsonst mit diesem Projekt auseinander gesetzt. Es handelte sich dabei um einen meiner ersten internationalen Aufträge und der konnte mir noch so einige Türen öffnen. Bisher war alles gut verlaufen, doch von diesem Treffen hing noch vieles ab. Dementsprechend euphorisch fühlte ich mich dann auch, als mich der Auftraggeber am Ende des Meetings zur gelungenen Präsentation beglückwünschte. Nachdem wir uns von unserem Kunden verabschiedet hatten, ging ich mit meiner Mitarbeiterin Maggie Flynn in Richtung der Büroräume. Dabei besprachen wir unser weiteres Vorgehen für diesen Auftrag. Vor meinem Büro wartete eine aufgeregte Beth auf mich. „Miss Swan, gut, dass Sie schon wieder da sind. Hier war die Hölle los.“

„Ganz ruhig Beth, wo brennt es denn?“ Ich versuchte sie ein wenig zu beruhigen, da sie wie ein aufgescheuchtes Huhn vor mir stand. Maggie ging inzwischen weiter um sich ihren übrigen Tagesaufgaben zu widmen.

Beth atmete tief durch und begann: „Also zunächst müssen sie ganz dringend Mr. Brown zurückrufen, der hat in der letzten Stunde drei Mal angerufen. Er sagte irgendwas von einem Problem mit der Location…“

„Shit!“, entfuhr es mir leise. Scheiße, verfluchter Mist. Der Verlust der Location könnte die gesamte Arbeit für den Auftrag über den Haufen werfen.

Aufgrund meines leisen Fluches unterbrach Beth ihren Redefluss und hakte verdutzt nach: „Haben Sie was gesagt?“ Sie schien sich wohl zu fragen, ob sie gerade tatsächlich ein Fluchen aus meinem Mund vernommen hatte. Sowas war bisher noch nie vorgekommen.

„Nein nichts. Ich werde ihn sofort anrufen. Was gibt’s sonst noch Beth?“

„Kurzfassung?“, fragte sie und fuhr fort als ich nickte. „Also es gibt einige neue Termine, die ich Ihnen in den Kalender eingetragen und nochmal separat aufgeschrieben habe. Dann die üblichen Rückrufe, allerdings nicht so dringend wie bei Brown. Auch die habe ich Ihnen notiert. Desweiteren einige Unterlagen, die Sie sich ansehen müssten. Und außerdem hat Miss Whitlock angerufen und von einer Bestellung erzählt, die Unterlagen dazu wollte sie Ihnen direkt faxen.“

„Alles klar. Das war es dann?“, fragte ich abwesend. In Gedanken war ich schon wieder ganz bei der Arbeit, die auf mich zukommen würde und vor allem bei dem Anruf bei Mr. Brown.

„Ja.“

„Sehr gut, vielen Dank Beth“, rief ich ihr über die Schulter zu, während ich schon halb in meinem Büro verschwunden war.

Der darauffolgende Anruf versetzte mich nicht gerade in Hochstimmung. Es kam wie ich befürchtet hatte und nun musste ich bis Sonntag eine neue geeignete Location finden, besichtigen, buchen und dort alles für ein Fotoshooting vorbereiten. Als ich mir dann auch noch das Fax von Alice ansah platzte mir der Kragen. Sofort wählte ich ihre Durchwahl und begann sobald sie abhob. „Verdammte Scheiße Alice! Ist das dein Ernst? Du hast doch einen Knall! Eine Fotoausrüstung für fast 20.000 Dollar? Sag mal spinnst du?!“ Wie gut, dass die Wände meines Büros so dick waren, ansonsten hätte Beth sich sicher noch mehr über meine Ausdrucksweise gewundert.

„Dir auch einen schönen Tag, Süße.“, erwiderte sie ungerührt.

Doch damit reizte sie mich nur noch mehr. „Alice Mary Brandon Whitlock, erklär mir endlich welcher Teufel dich da geritten hat, diese verdammte Bestellung abzuschicken? Zur Hölle nochmal, das ist mein verdammtes Geld, das du da mit allen Händen ausgibst. Woanders wär das ein Kündigungsgrund!“

„Ach B. Tut mir leid, aber die Ausrüstung ist wirklich gut und da ist auch alles drin. Im Grunde ist das wirklich günstig.“, begann sie sich zu verteidigen.  Noch immer schien sie davon überzeugt zu sein, dass der Kauf eine durchaus gute Idee war.

„Günstig?“, fragte ich spitz. „Na dann möchte ich nicht wissen was du unter teuer verstehst! Du hast doch eine gute Ausrüstung und die ist auch noch gar nicht mal so alt.“

„Aber diese ist…“

„Nichts aber. Du hättest mich zumindest vorher fragen müssen. Es ist mir egal, ob du meine beste Freundin bist oder nicht, das geht so nicht!“

Endlich schien sie meinen Standpunkt etwas zu verstehen, denn zerknirscht gab sie nach. „Du hast ja Recht. Ich werde sie zurückgehen lassen. Doch ein paar Dinge brauch ich wirklich dringend.“

„Und die sollst du auch kriegen Alice. Solange es im Rahmen bleibt ist das alles kein Problem. Vor allem nicht, wenn du mich vorher davon in Kenntnis setzt“, entgegnete ich schon um einiges freundlicher. Gegen Ende hatte sie wirklich schuldbewusst geklungen und vielleicht lernte sie endlich mal daraus. Auch wenn ich dachte, dass sie inzwischen gelernt hatte besser mit Geld umzugehen. Allerdings dauerte das anscheinend, dafür hatten ihre Eltern ihr das Geld einfach viel zu lange hinterher geschmissen.

„Geht klar. Sorry nochmal, ich hab nicht nachgedacht.“

„Schon gut, Honey. Mir tut es leid, dass ich dich so angeschrien habe. Das hat das Fass heute nur irgendwie zum Überlaufen gebracht.“, meinte ich daraufhin und fühlte ich auf einmal sehr erschöpft. In Nachhinein machte ich mir wirklich Vorwürfe, dass ich sie so angefahren hatte. Ich hätte meine Gefühle besser im Griff haben müssen und meine schlechte Laune nicht an ihr auslassen dürfen. An meiner Selbstbeherrschung müsste ich also wohl noch üben.

Durch meine Worte und meinen Tonfall aufmerksam geworden, fragte meine beste Freundin sofort: „Was ist los, Süße?“

Ich schmunzelte darüber wie schnell sie den Schalter umlegen und Geschehnisse hinter sich lassen konnte. „Erzähl ich dir heut Abend, ich hab noch viel zu tun. Hab dich lieb Ali, bis dann.“

„Alles klar, ich dich auch. Aber mach auch mal eine Pause, du Workaholic.“

Kaum hatte ich aufgelegt, überprüfte ich die neuen Termine und stellte dabei fest, dass ich seit neuestem eine Besprechung mit Emmett in meinem Kalender stehen hatte. Sie sollte am kommenden Freitag in seiner Bar stattfinden. Ich seufzte und wappnete mich innerlich schon mal für das was auf mich zukommen würde. Die anderen Termine bereiteten mir da weitaus weniger Kopfschmerzen, obwohl sie im Grunde anspruchsvoller waren. Sogleich machte ich mich an die Arbeit, die sich während der einstündigen Besprechung angesammelt hatte. Da war man nur eine Stunde weg und schon lag genug auf dem Schreibtisch um einen tagelang zu beschäftigen.

Durch die schier endlose Flut an Arbeit bekam ich kaum mit wie die Zeit verflog. Das wurde mir erst klar, als Alice sanft anklopfte und ich sie den Kopf durch die Tür stecken sah. „Schluss für heute, du Workaholic. Scheinst ja wieder mal nicht auf meinen Rat gehört zu haben.“

„Noch fünf Minuten, ich muss nur noch schnell diese Verträge durchgehen“, entgegnete ich abwesend und wandte meine Aufmerksam kein nicht vom Dokument vor mir ab.

„Isabella Swan, guck mal nach draußen“, ermahnte sie mich.

Verwirrt sah ich aus dem großen Fenster hinter mir und erschrak. „Es ist ja schon stockdunkel“, stellte ich überflüssigerweise fest und drehte mich wieder zu ihr. Mein Gesichtsausdruck muss ein Bild für die Götter gewesen sein, schlicht und einfach vollkommen verblüfft und leicht überfordert.

Alice sah mich einen Moment lang entgeistert an und fing dann an zu lachen. „Gott Bells, das ist doch auch wohl kein Wunder. Oder hast du schon mal an einem Oktoberabend um halb Neun die Sonne hoch am Himmel stehen sehen?“ Mit einem schnellen Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass es wirklich schon so spät war. Schnell packte ich mir die wichtigsten Unterlagen und meinen Laptop zusammen und verließ mein Büro. Immer noch kichernd folgte Alice mir und hatte schon kurz darauf einen noch mehr Grund zum Lachen. Denn als ich einen ratlosen Blick auf den verlassenen Schreibtisch im Vorraum warf, stellte sie fest: „Falls du dich fragst wo Beth ist, die hat seit mehr als zwei Stunden Feierabend.“

„Oh.“ Wie konnte ich das nur vergessen?                                  

~*~

Mit ähnlich viel Arbeit verliefen auch die nächsten beiden Tage. Vor lauter Arbeit wusste ich nicht, wo mir der Kopf stand. Mein Vorsatz mir mehr Zeit für mich zu nehmen war schon wieder so gut wie vergessen. Doch zum Glück hatte ich ja Alice, die mich in regelmäßigen Abständen daran erinnerte. Bei jeder erstbesten Gelegenheit brachte sie das Thema wieder auf den Tisch. Es schien als wäre es ihr einzige Aufgabe sich Sorgen um mich zu machen, solange Jasper in Dallas war. Ich fungierte als eine Art Lückenbüßer. Aber ich musste mir eingestehen, dass ich gerne ihr Lückenbüßer war. Schließlich war das ihre Art mir ihre Freundschaft zu zeigen und zugleich ihr unbegründetes schlechtes Gewissen zu beruhigen. Warum sie das hatte, konnte ich nicht so ganz nachvollziehen. Ich vermutete allerdings, dass sie das Gefühl hatte mich zu vernachlässigen, wenn Jasper da war. Schwachsinn. Immerhin war er ja so gut wie nie in der Stadt und meiner Meinung nach sahen sich die beiden ohnehin viel zu selten. Aber so dachte sie halt. Hatte sie als Einzelkind, mit ständig abwesenden Eltern, doch immer darum gekämpft ein bisschen Aufmerksamkeit von ihnen zu erlangen und war doch viel zu oft kläglich gescheitert. Daher war es ihr umso wichtiger den Menschen, die sie liebte, dies auch so oft wie möglich zu zeigen. Auch wenn ihre offenen Liebesbekundungen mitunter ziemlich peinlich und auch anstrengend sein konnten. In diesen Momenten musste ich mir nur immer wieder sagen, dass sie es ja nur gut meinte.

Meine Art ihr für alles zu danken war dann, unangekündigt an der Tür zu ihrem Büro zu stehen und ihr was zu essen mitzubringen. So kam ich auch am Mittwochabend mit einer großen Pizzaschachtel bewaffnet zu ihr um sie zu überraschen. Gerade hatte ich die letzten Vorbereitungen für die Location für den Auftrag von Mr. Brown abgeschlossen und wollte zur Feier des Tages mal wieder zeitig Schluss machen. „Hey Ali, schon Zeit um Schluss zu machen für heute?“

Sie schaute grinsend von einem Stapel Fotos auf und nickte eifrig. „Immer.“ Wir machten es uns auf dem Boden am Fenster gemütlich und innerhalb von Sekunden begann Alice den Inhalt der Schachtel zu erkunden. Sie freute sich wie ein kleines Kind. „Mhh mit Barbecue Soße, Mais, Hühnchen und extra Käse. Danke Bella.“

„Kein Problem, dafür sind Freundinnen doch da.“, entgegnete ich und schnappte mir ein Stück ihrer Lieblingspizza.

Keine fünf Minuten später waren wir in ein angeregtes Gespräch vertieft und genossen dabei die Pizza. Es tat mir gut, mit meiner Freundin auf dem Boden zu sitzen und zu quatschen. Wir kamen viel zu selten dazu und ich wollte jede Minute ausnutzen. Schnell  waren wir wieder beim vergangenen Wochenende angekommen. Ich musste mir ein kichern verkneifen, denn es war eindeutig Alices Lieblingsthema geworden und sie schien ohne Ende darüber reden zu können. „Ich weiß, ich hab das bestimmt schon hunderttausend Mal gesagt, aber so einen Wochenendtrip müssen wir unbedingt bald mal wiederholen. Wehe du wartest wieder zwei Jahre bis zum nächsten freien Wochenende“, meinte sie schließlich.

Ich lachte und griff nach dem nächsten Stück Pizza. „Ich verspreche es. Dafür hat mir die freie Zeit auch einfach zu gut getan. Wenn ich nur nicht so viel Stress hätte.“

Die kleine Alice schüttelte energisch den Kopf. „Stress lass ich nicht als Ausrede gelten. Die Firma läuft gut und langsam solltest du deine überaus fähigen Mitarbeiter vielleicht auch einfach mal machen lassen und dich ein wenig zurückhalten.“

„Aber ich kann doch nicht alle Arbeit auf Andere abwälzen und die Hände in den Schoß legen! Wie sieht das denn aus? Außerdem weißt du so gut wie ich, dass ich viel zu hohe Ansprüche habe.“

Alice sah mich ernst an. „Du hast super Leute hier und sie alle genau über deine Ansprüche informiert und dementsprechend eingearbeitet. Weißt du, was dein Problem ist? Du willst einfach alles alleine machen. Aber Süße, das kann so nicht weiter gehen, dafür ist deine Firma inzwischen zu groß. Als Chefin musst du hier auch dirigieren können. In gewisser Weise kannst du das ja auch, aber du kannst einfach nicht jeden noch so kleinen Arbeitsschritt überwachen. Du hast genau zwei Möglichkeiten: Entweder musst du das lernen oder die Agentur im kleinen Rahmen fortführen und dann nicht mehr so viele und vor allem nicht mehr so große Aufträge annehmen.“

Entgeistert starrte ich sie an und merkte nur am Rande, wie mir der Unterkiefer runter klappte. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein, oder etwa doch? „Bitte was? Du weißt am besten wie viel Herzblut ich in die Agentur gesteckt habe.“, platzte ich heraus.

Daraufhin meinte Alice mit ruhiger Stimme: „Ja Bella, das weiß ich. Nur wirst du sie bald nicht mehr richtig genießen können, wenn du so weiter machst. Du arbeitest dich kaputt. Ich hab dir das schon so oft gesagt, du musst da endlich auch mal was dran ändern!“

„Ja, ich weiß.“, gab ich zerknirscht zu. „Ich bin ja auch bereits dabei. Ich arbeite gerade Maggie soweit ein, dass ich ihr mehr Verantwortung übergeben kann. Bei ihr habe ich ein gutes Gefühl und ich vertraue ihr.“ Darüber schien sich meine Freundin wahnsinnig zu freuen, denn sie fiel mir überschwänglich um den Hals. Dass sie dabei die Pizzaschachtel zur Seite stieß und damit auch deren Inhalt auf dem Boden verteilte, störte sie ganz offensichtlich nicht.

Kaum dass sie sich wieder beruhigt hatte, sprudelte sie auch schon wieder drauf los: „Da du ja demnächst mehr Zeit hast, können wir ja ganz viel unternehmen. Nur wir beide oder mit Emmett, Rose und Edward. Hier in Houston oder wir fahren wieder irgendwo hin. Vielleicht begleitest du mich ja auch mal zu Jasper nach Dallas.“ Außerdem beschloss sie für uns beide, dass sie in den nächsten Tagen mal mit Emmett etwas abmachen wollte.

Währenddessen räumte ich das Chaos auf, welches Alice kurz zuvor veranstaltet hatte. Wehleidig sah Alice den Resten hinterher, als ich sie in den Mülleimer schmiss. Sie schien schon zu bereuen, dass sie die Pizza auf dem Boden verteilt hatte und sich somit selbst um den weiteren Genuss ihrer Lieblingspizza gebracht hatte. Kaum hatte ich mich wieder zu ihr gesetzt fragte sie: „Dabei fällt mir ein, hat Edward sich eigentlich schon gemeldet?“

„Nein, aber er wollte sich ja auch nur melden, wenn er zum Fallschirmspringen geht.“

„Ach was!“, meinte sie patzig und sprang auf. Ziellos tigerte sie in ihrem Büro hin und her.

 „Sitz, Platz, aus! Deine Gedanken driften gerade schon wieder in eine völlig falsche Richtung. Du interpretierst da viel zu viel hinein.“, entgegnete ich, um sie auf dem Boden der Tatsachen zu halten. Doch schien ich damit eher wenig Erfolg zu haben, denn dieser keine Giftzwerg, der unter normalen Umständen meine beste Freundin war, ließ sich nicht aufhalten. Sie tat mir nicht den Gefallen sich wieder zu setzen. Stattdessen lehnte sie sich mit verschränkten Armen an ihren Schreibtisch.

„So ein Quatsch. Sei doch mal ehrlich, du findest ihn toll“, behauptete sie einfach. 

Sofort stritt ich es ab: „Tu ich nicht!“

„Tust du wohl.“

„Nein!“, rief ich schriller als beabsichtigt.

Daraufhin sah mich Alice belustigt an und fragte: „Warum regst du dich dann so auf?“

„Ich reg mich doch gar nicht auf“, brachte ich aufgebracht hervor. Doch schon während ich sprach, wurde mir klar wie idiotisch ich mich aufführte, wie ein pubertierender Teenager.

Dafür brauchte ich auch die ironische Bestätigung von Alice nicht. „Ja sicher und ich ruhe in mir selbst wie ein buddhistischer Bär im Winterschlaf.“

„Haha, sehr witzig.“, gab ich trocken zurück. Als sie nichts weiter sagte und mich einfach nur forschend ansah, gab ich mich geschlagen. „Ach scheiße. Ist ja schon gut, ich geb es zu. Ja verdammt, ich finde ihn gut. Bist du jetzt zufrieden? Du hattest Recht, hast du toll gemacht. Kriegst einen Keks.“

„Danke, aber ich mag keine Kekse ich bevorzuge Muffins“, sagte Alice daraufhin und klang wohl mindestens genauso trocken dabei, wie ich nur Sekunden zuvor. Sie hatte es echt drauf mich mit nur einem Satz an den Rand der Verzweiflung zu bringen.

Ich schnaubte frustriert. „Gott Alice, irgendwann lande ich wegen dir noch in der Klapsmühle.“
„Na so wie du dich manchmal verhältst, gehörst du da auch hin.“, hielt der kleine Giftzwerg dagegen und streckte mir die Zunge raus.

„Trotzdem, was erwartest du? Ich kenn ihn doch gar nicht wirklich. Außerdem sehe ich da so einige Probleme.“

Daraufhin sah Alice mich wieder streng an und meinte: „Ach komm schon Bells. Das sind doch alles faule Ausreden, weil du Angst hast.“

Ich lachte bitter auf und erhob mich. „Natürlich, gerade ich.“

„Ja, du. Du nimmst es vielleicht mit meterhohen Wellen, reißenden Strömungen und unzähligen PS auf, aber in Sachen Männer bist und bleibst du unsicher.“, behauptete sie.

Nun war es auch an mir meine Arme zu verschränken. „Ich bin gar nicht immer unsicher.“, meinte ich und konnte nicht verhindern mich beleidigt zu fühlen. „Oder hast du mich die letzten Jahre wie eine Nonne leben sehen?“ Frustriert warf Alice die Arme in die Luft, doch ich drehte mich einfach um und sah aus dem Fenster.

„Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt, Süße.“, hörte ich sie beruhigend auf mich einreden. „Wenn für dich von Anfang an klar war, dass du nur eine kurze Zeit ein wenig Spaß mit dem Kerl haben wolltest, dann warst du nicht unsicher. Aber wenn du sofort das Gefühl hattest mehr zu empfinden, naja, dann kommt immer wieder diese unsicher Variante von dir aus der High School hervor und überschattet sowohl die seriöse Businessfrau, als auch die unerschrockene Draufgängerin.“

Ich starrte weiter stur aus dem Fenster während ich mit ihr sprach: „Was genau willst du mir eigentlich damit sagen? Dass ich eine dreifach gespaltene Persönlichkeit habe?“

„Nein. Vielleicht hast du zwei Persönlichkeiten, aber mehr auch nicht. Ach Quatsch, Spaß beiseite. Ist im Grunde auch total egal, doch leider steckt in dir immer noch dach schüchterne graue Mäuschen von damals.“

Ihre Worte gaben mir zu denken und machten mich traurig, denn das war immer meine größte Sorge gewesen. Dass mich diese verdammte Unsicherheit, die mich meine gesamte Schulzeit begleitet hatte, auf immer und ewig verfolgen würde. Geschürt wurde sie durch meine Schüchternheit und meine Tollpatschigkeit, die sich immer dann zeigte, wenn ich meine eigenen Beine benutzte. Es konnte einen als Grundschüler schon zum Opfer von Sticheleien machen, wenn man ständig irgendwo gegen lief. Nur im Wasser hatte ich mich immer schon frei gefühlt, dort blieb ich auf wundersame Weise von Unfällen verschont. Später hatte ich dann festgestellt, dass es mir bei Autos, Boten, Motorrädern und anderen Fortbewegungsmitteln ähnlich erging.

Damals hatte es nur Alice geschafft zu mir durch zu dringen und mein Vertrauen zu gewinnen. Und das auch nur, weil sie auch nicht immer so selbstbewusst war, wie sie immer tat. Doch war sie viel besser darin, nach außen hin stark zu sein, als ich, zumindest wenn sie es wollte oder musste.

Ihrer Meinung nach lag das an ihrer Erziehung. Ihre Mutter hatte ihr von klein auf eingeschärft, dass sie anderen – angeblich ungelegeneren – Menschen gegenüber nie, wirklich niemals die eigene Schwäche zeigen durfte. Jemand ihres Standes müsste über allem stehen, um keine Schande über die Familie zu bringen. Mit anderen Worten war meine beste Freundin von ihrer Mutter dazu gedrillt worden ja  die Klappe zu halten und sich wie ein perfektes kleines Prinzesschen zu benehmen. Alles nur, um die Fassade einer glücklichen und beneidenswerten Familie aufrecht zu erhalten. Immerhin waren die Brandons die reichste und damit auch einflussreichste Familie in Forks und Alice die einzige Tochter des Hauses.

Allerdings hatte Alice bedeutend wenig Interesse daran die Familienehre zu schützen und zu wahren, wie es von ihr verlangt wurde. Sie war schon früh aufmüpfig und emotional gewesen, doch die Liebe, die sie damals noch für ihre Eltern empfunden hatte, hielt sie meistens davon ab irgendetwas anzustellen. Daran hatte sich in all den Jahren leider nicht viel geändert und das obwohl sie kaum noch Liebe für die Beiden empfand, sondern nur noch Enttäuschung. Und vergessen hatte sie die Predigten und Vorhaltungen ihrer Mutter noch lange nicht. So kam es auch, dass sie selbst heute als verheiratete 24-jährige Frau ihren Eltern noch nicht auf die Nase band, wie sie wirklich war. Aus Sorge die Zwei noch mehr zu enttäuschen, als sie es ja angeblich schon getan hatte. Doch zugeben würde sie das nie. Im Grunde war ich ja nicht besser, wollte es mir aber auch nicht eingestehen.

Ich war frustriert und enttäuscht, weil ich nicht mal diesen einen Vorsatz, den ich mir nach unserem Abschluss vorgenommen hatte, einhalten konnte. Also ließ ich die Schultern hängen, brachte es jedoch nicht über mich Alice dabei anzusehen. Mir war zum heulen zumute, doch natürlich kamen keine Tränen und ich war insgeheim auch froh darüber. Ich spürte wie Alice hinter mich trat und mich tröstend in den Arm nahm. Einen kurzen Augenblick lang versuchte ich mich von ihr los zu machen, ich konnte es einfach nicht ertragen schon wieder die Schwache von uns zu sein. Doch natürlich war ich gegen dieses kleine Kraftpaket machtlos.

„Lass mich Ali, bitte. Ich kann und will nicht immer so schwach sein.“, bat ich sie kläglich und schämte mich sogleich für den Klang meiner Stimme. Da sagte ich noch, ich wollte nicht schwach sein. Ich klang dabei wie eine weinerliche Dreijährige, deren Lieblingsstoffhund aus Versehen in die Kochwäsche geraten war und danach aussah wie ein auftoupierter Pudel. 

„Isabella Marie Swan!“, schalt sie mich und drehte mich zu sich um. „Du bist nicht schwach. Wenn du es wärst, könntest du dein Leben so nicht führen. Es bedarf einiges an Stärke, um direkt nach dem Studium, ohne jegliche Hilfe, eine Agentur wie diese aufzubauen und innerhalb kürzester Zeit zu einer der Erfolgreichsten des Staates zu machen. Ebenso braucht es einiges an Mut, um all die Hobbys auszuführen, die du so liebst. Doch vor allem braucht es einiges an Kraft, um mit jemandem wie mir befreundet zu sein. Also sag nie wieder, dass du schwach bist. Nur weil du mal Schwäche zeigst, heißt das noch lange nicht, dass du nicht stark bist. Rede dir doch bitte nicht den gleichen Schwachsinn ein, den ich mir jahrelang von meiner Mutter anhören durfte.“

Während ihrer kleinen Rede schloss ich die Augen, da ich ihr dabei einfach nicht ins Gesicht sehen konnte. Als sie dann endete, schluckte ich schwer. „Danke“ war alles war ich hervorbrachte. Erst jetzt hörte ich auf mich gegen ihre Arme zu wehren, die sie immer noch um mich geschlungen hatte.

„Nicht der Rede wert. Dafür bin ich ja da. Denk immer daran: Für immer zusammen durch dick und dünn.“ Ich wusste wie ernst sie diese Worte meinte, auch wenn sie dabei schon wieder am Kichern war. Wortlos drückte ich sie an mich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Nach ein paar letzten aufmunternden Worten scheuchte sie mich aus ihrem Büro und meinte schmunzelnd: „Wir sollten besser fahren, damit ich morgen wieder frisch ans Werk gehen kann. Bevor meine Chefin noch denkt, dass ich zu faul bin und mich feuert. Weißt du, seit meiner Bestellung ist sie nicht so gut auf mich zu sprechen.“ Daraufhin zeigte ich ihr nur den Vogel und wir beeilten uns zum Auto zu gehen.

„Alice, ich glaub wir sollten uns morgen frei nehmen. Am Sonntag ist das Brown Shooting. Das wird ein langer Tag, also steht sowohl mir als auch dir ein freier Tag ja wohl zu“, schlug ich Alice auf der Heimfahrt kurzentschlossen vor.

Sie drehte sich ruckartig auf ihrem Sitz zu mir und strahlte. „Ist das dein Ernst. Mensch klasse Bella. Du, das machen wir. Dann können wir mal wieder so richtig schön shoppen gehen.“

Sofort bereute ich meinen Vorschlag und stöhnte auf. Sogleich fing Alice an mich zu bearbeiten und ich wusste längst, dass mich dem Shoppingmarathon nicht entziehen können würde.

Am nächsten Tag schleifte sie mich durch mehr Läden im Houston Center, als ich zählen konnte. Schon nach kurzer Zeit – oder besser gesagt nach fünf von zehn langen Stunden – fühlte ich mich wie gerädert. Nach weiteren drei Stunden konnte ich Alice dann zumindest zu einem Zwischenstopp beim Chinesen überreden. Ich kapitulierte schließlich gegen acht Uhr, nach besagten zehn Stunden. Dafür ließ ich mich einfach neben einen Blumenkübel mitten im Einkaufscenter fallen und lehnte mich erschöpft dagegen. „Was machst du da, Bella?“

„Ich sterbe.“, murmelte ich kraftlos.

Wie sie es daraufhin schaffte mit ihren unzähligen Tüten die Hände in die Hüften zu stemmen war für mich ein Rätsel. Doch in eben jener Position sah sie mich streng an und rief: „Jetzt stell dich mal nicht so an.“

„Doch Ali, ich sterbe. Hier, direkt vor deinen Füßen. Langsam und qualvoll. Lass mich hier zurück und rette dich.“, jammerte ich. Allerdings zeigte sich Alice weiter ungerührt und so flehte ich: „Bitte Alice, hab Gnade. Wir sind seit zehn Stunden unterwegs. Ich kann beim besten Willen nicht mehr. Bitte lass uns nach Hause fahren. Biiiitteeee.“

„Aber ich wollte noch zu Victoria Secrets“, grummelte sie schmollend. 

Daraufhin erwiderte ich sanft: „Süße, wir waren bereits in zwei Läden der Kette und in fünf anderen Unterwäscheläden.“

„Und ich wollte mit dir doch noch die neue Cocktailbar ausprobieren. Die soll fantastisch sein.“, fügte sie mit vorgeschobener Unterlippe hervor. Ich wollte ja standhaft bleiben, nur dieses eine Mal, aber gegen ihre Schmollattacken war ich machtlos.

„Na gut, aber wirklich nur noch zu Victoria Secrets, damit du dir für Jazz was Schönes kaufen kannst. Die Cocktailbar läuft uns nicht davon.“ Immer noch etwas widerwillig stimmte sie dem Kompromiss schließlich zu und so konnte ich uns keine Stunde später zu unseren Wohnungen zurückfahren. Wie schön war doch die kurze Zeit auf dem College gewesen, in der sie zu wenig Geld für solche ausgiebigen Shoppinggelage hatte. Und zum Teufel mit Jasper, der diese Zeit viel zu schnell wieder beendet hatte. 

Am nächsten Tag wäre ich am liebsten im Bett geblieben, doch da ich im Büro erwartet wurde blieb mir nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu fügen. Ich quälte mich regelrecht durch den Vormittag. Dabei ließ meine Konzentration so ziemlich zu wünschen übrig, wodurch mir einige Fehler unterliefen, die ich dann wieder beheben durfte. So viel zum Thema: Ich vertrau nur meiner eigenen Arbeit. Das konnte ich an diesem Tag getrost vergessen.

Und warum das Ganze? Nur weil ich etwas später am Nachmittag wieder auf Emmett treffen würde, allerdings geschäftlich. Gelinde gesagt hatte ich ziemlichen Schiss, dass er mich erkennen könnte. Ich befürchtete einfach, dass ich dann nicht ernst genommen werden würde. Zumindest, wenn man mich auch so kannte, wie ich in meiner Freizeit war. Wer vertraute seine Existenzgrundlage auch schon gerne jemandem an, der eine verrückte Aktion nach der anderen ablieferte und dem dabei nichts zu durchgeknallt war? Ich würde es zumindest nicht tun. So galt es vorerst zu verhindern, dass Emmett, Rose und Edward herausfanden, dass ich sowohl Jaspers beste Freundin Bella als auch Alices Chefin Isabella Swan war. Auch wenn mir klar war, dass es früher oder später dazu kommen würde. Doch was mich betraf, bevorzugte ich da ganz eindeutig letzteres.

Dementsprechend nervös war ich also, als ich zu der Bar fuhr, die der Dreh und Angelpunkt des gesamten Auftrages war. In kurzer Entfernung zum Eingang stellte ich meinen Wagen ab und versuchte mich zu beruhigen. Doch alles tief ein- und ausatmen half zunächst einmal rein gar nichts. Nicht einmal eine kleine Beruhigungszigarette. Die Nervosität ließ sich einfach nicht vertreiben. Ich war schon kurz davor Emmett anzurufen, um den Termin abzusagen. In letzter Minute entschied ich mich jedoch um. Ich wollte mich nicht so schnell geschlagen geben und sah mich daher gezwungen das Ganze durchzuziehen. Also kramte ich stattdessen in meiner Handtasche nach meinem Lippenstift und zog ihn mir nach. Ein letzter prüfender Blick in meinen Spiegel verriet mir, dass ich bereit war. Zumindest was mein Styling anging, denn ansonsten fühlte ich mich nämlich alles andere als bereit und das unterstrich auch noch mein gequälter Gesichtsausdruck. Ich atmete ein weiteres Mal tief ein und kletterte dann entschlossen aus meinem Wagen.

Langsam begab ich mich zum Eingang, dabei kam sogar etwas Neugierde in mir auf. Immerhin hatte Emmett mir bei unserem Geschäftsessen ziemlich von der Bar vorgeschwärmt und auch Jasper hatte seinen Senf hinzu gegeben. Als ich sie dann schließlich selbst betrat, musste ich ihnen zustimmen. Über der Tür hing ein großes Holzschild auf dem ‚McCarthy’s Scottish Pub‘ zu lesen war, dass darunter ‚Inhaber Alistair McCarthy‘ stand ließ sich durch die abblätternde Farbe höchsten falls noch erahnen. Auch wenn die Kneipe schon weitaus bessere Tage gesehen hatte, war in dem Lokal eine ganz besondere Atmosphäre zu spüren. Vom ersten Moment an fühlte ich mich wohl und das war ja bekanntlich sehr wichtig für eine Bar. Außerdem ermöglichte mir diese Tatsache ganz neue Perspektiven für meine Arbeit. Denn eins war klar, in diesem kleinen Raum steckte eine Menge Potential.

Ich war so angetan, dass ich zunächst gar nicht bemerkte, wer dort an der Bar saß und sich gerade eine Cola reichen ließ. Genau der, von dem Alice behauptete, dass ich mehr für ihn empfand. Edward Masen. Der Mann mit den traurigen grünen Augen und der gefährlichen Ausstrahlung. Der Mann mit den Tätowierungen und dem durchtrainierten Oberkörper. Der Mann mit dem markanten Kinn und dem traumhaften Lächeln. Der Mann mit dem sexy Dreitagebart und der tiefen Stimme. Der Mann mit... Ach scheiße, Gedanken hört auf euch zu überschlagen! Sicher, er war ein Traum von Mann, aber mussten meine Gedanken deswegen gleich so auf Wanderschaft gehen? Nein verdammt. Zu meinem Leidwesen stellte ich fest, dass ich wohl anfangen musste mich mehr zusammenzureißen.  

Völlig überfordert mit der Tatsache, dass Edward dort saß, blieb ich zunächst regungslos an der noch leicht geöffneten Tür stehen. Bisher hatten weder er, noch Emmett mich bemerkt und auch wenn dadurch die Möglichkeit der Flucht ja noch bestand, tat sie dies für mich nicht. Ein Rückzug kam für mich jetzt nicht mehr in Frage. Außer ihnen war der Raum vollkommen leer, doch zu der Tageszeit war das bei einem Pub auch kein großes Wunder. Gerade als ich entschlossen auf die Theke zugehen wollte, kam Rose aus einem der Hinterräume. Sie warf dabei einen Blick zur Tür und musterte mich neugierig, um nicht zu sagen abschätzend. Ich war froh, dass ich am Morgen auf Alice‘ Rat gehört hatte und nun einen elegant geschnittenen und schweineteuren Hosenanzug trug. Ebenso war ich einmal mehr froh darüber bei der Arbeit meistens meine alte Lesebrille zu tragen. Auch wenn ich sie eigentlich nicht mehr brauchte, klammerte ich mich regelrecht an sie, da ich damit meiner Meinung nach mehr Autorität ausstrahlte. In diesem Fall würde es mir außerdem dabei helfen nicht so leicht erkannt zu werden.  

Immer noch an der Tür stehend konnte ich sehen wie sie Emmett anstieß und in meine Richtung deutete. Daraufhin sahen sowohl er, als auch Edward zu mir und ich setzte mich in Bewegung. Bei ihnen angekommen streckte ich Emmett meine Hand entgegen. „Hallo Mister McCarthy, eine wirklich schöne Bar haben Sie hier.“, meinte ich geschäftsmäßig. Imaginär klopfte ich mir auf die Schulter. Denn ich war stolz darauf daran gedacht zu haben, dass ich ihn wieder siezen musste und die anderen beiden bisher theoretisch noch gar nicht kennen durfte.
„Hallo Miss Swan. Schön, dass Sie es einrichten konnten“, begrüßte mich Emmett, während er mir mit seiner Pranke die Hand schüttelte. Dann deutete er auf Rose und Edward. „Das sind mein bester Freund Edward Masen und seine Schwester Rose.“

Ich lächelte ihnen leicht zu: „Freut mich.“ Dabei vermied ich aber ihnen direkt ins Gesicht zu blicken. Aus den Augenwinkeln sah ich wie Edward schmunzelte. Verdammt, er war mir viel zu nah. Dann bemerkte ich die eisigen Blicke, die Rose ihrem Freund zuwarf und erkannte warum Edward sich ein Lachen verdrücken musste.

Rose stieß ihren Freund mit dem Ellenbogen an und er fügte hinzu: „Ach ja, außerdem betreiben wir zusammen eine Werkstatt.“ Ich war mir sicher, dass Rose nicht diese Aussage hatte hören wollen und Edward war es ebenso klar. Er verschluckte sich regelrecht an seinem Getränk. Diesmal bohrte sie ihren spitzen Ellenbogen deutlich härter in Emmetts Rippen und räusperte sich. Daraufhin sah er sie an und sein Blick war ein Bild für die Götter. Er schien nicht zu merken worauf sie hinaus wollte und ein Brett vor dem Kopf zu haben. Sie sah ihn durchdringend an. „Was?“, fragte er immer noch unwissend.

Also ergriff Edward die Initiative. Er drehte sich auf seinem Barhocker halb zu mir. Ich schluckte schwer und erwiderte seinen Blick eher halbherzig. Zu gerne wäre ich gerade in seinen traurigen Augen versunken und hätte herausgefunden, was ihn so traurig machte. Doch ich kämpfte um den Letzten Rest meiner Selbstbeherrschung. Denn wenn ich diesem Drang nachgab, wäre ich verloren und es wäre ein Leichtes für Edward mich zu erkennen. Stattdessen versuchte ich mich so gut wie möglich hinter meiner Brille zu verstecken. „Süß, oder? Die junge Liebe.“ Rose sah erleichtert aus, doch Emmett riss leicht panisch die Augen auf.

„Ed!“, rief er entsetzt und starrte Edward an. Dieser wiederum zeigte sich unbeeindruckt und wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Getränk zu. Sofort wirkte er etwas abwesend und ziemlich nachdenklich, genau wie am Wochenende.

Peinlich berührt wandte Emmett sich an mich. „Es tut mir Leid Miss Swan, mein Kumpel spricht bevor er denkt. Er vergisst auch immer, wie man sich bei Geschäftsterminen benehmen sollte.“ Dabei schoss er immer wieder imaginäre Giftpfeile auf Edward ab, er befürchtete wohl Edwards salopper Kommentar könnte einen falschen Eindruck bei mir hinterlassen. Na wenn der wüsste.

„Ach das ist doch kein Problem“, meinte ich. Ich kramte ein wenig in meiner Tasche um den Blicken der anderen zu entgehen. „Also Mr. McCarthy, wollen wir beginnen?“, fragte ich eifrig. Ich wollte so schnell wie möglich weg von Edward, da ich in seiner Gegenwart nicht hundertprozentig Aufnahmefähig war. Noch viel wichtiger war es für mich allerdings von der stets misstrauischen Rose weg zu kommen. Wenn sie die Zeit hätte mich genauer zu betrachten, würde sie mich garantiert erkennen. Emmett hatte ja am Wochenende ja wenig Anderes wahrgenommen, außer der Frau an seiner Seite. Außerdem war er ein Mann, da hoffte ich einfach auf die typisch männliche Unaufmerksamkeit. Wie es um die bei Edward stand war mir nicht klar, doch hatte er viel zu oft einfach nur abwesend neben uns gesessen, um mich auf den ersten Blick wiedererkennen zu können.

„Selbstverständlich. Kommen Sie, ich zeige Ihnen erst mal alles.“ Emmett wischte sich die Hände mit einem Geschirrhandtuch ab, welches dann in Edwards Gesicht landete. Der wurde dadurch völlig überrascht und verschluckte sich erneut an seiner Cola. Kurz huschte ein Grinsen über mein Gesicht, doch schnell hatte ich mich wieder unter Kontrolle „Übernehmt ihr solange, Leute?“, fragte Emmett seine Freunde.

Edward pfefferte das Handtuch zurück zum Absender und schüttelte den Kopf. Dann trank er, was von seiner Cola übriggeblieben war und meinte schlicht: „Tut mir Leid Alter, aber ich hab noch was vor.“ Er stand auf, drückte Rose einen Kuss auf die Wange und war in Gedanken wohl ganz woanders. „Hat mich gefreut Sie kennen zu lernen, Miss Swan. Ich bin dann mal weg. Bye Em, bis später Rosie.“

„Nun gut, ehm Rose?“, kam es unsicher von Emmett. Er brauchte gar nicht weiterreden, da sie nur nickte und sich dann an ihm vorbeidrückte, um ein paar Gläser abzuspülen. Allerdings hielt er sie dabei kurz auf und gab ihr einen liebevollen Kuss. „Danke, Schatz.“, flüsterte er leise. Danach kam er hinter der Theke hervor und wandte seine Aufmerksamkeit mir zu. „Dann kann es ja losgehen.“

Wie auf Knopfdruck war ich vollkommen in meinem Element und hatte nur noch den Auftrag im Kopf. Gott sei Dank, konnte ich da nur sagen. Nach einer kurzen Führung hatten wir uns in sein behelfsmäßig eingerichtetes Büro gesetzt und unser weiteres Vorgehen besprochen. Ich war sehr zuversichtlich was die Arbeit mit Emmett anging als ich mich eine Stunde später von ihm verabschiedete. Mit dem Kopf voller Ideen fuhr ich nach Hause um dort einige davon schon mal aufs Papier zu bringen.

~*~

Und das war Kapitel Nummer 2 von #swan. Sorry, dass es immer so lange dauert.

Liebe Grüße
Britt aka cloudlet

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