Mittwoch, 23. März 2011

Kapitel 4

Es war ein Traum. Es musste ein Traum sein. Was auch sonst? Edwards sanfte und doch fordernden Lippen auf meinen. Seine großen Hände, die mich vorsichtig an seinen Körper drückten. Seine weichen Nackenhärchen zwischen meinen Fingern. Sein Duft der mich umhüllte und beruhigte. Seine körperliche Nähe, die mich gefangen nahm. Sein Gesicht, welches ich trotz geschlossener Augen vor mir sah. Die Schmetterlinge, die ich in meinem Magen herumschwirren fühlte. Dieses plötzliche Gefühl, dass es genau so sein musste. Das konnte einfach nicht die Realität sein. Es war so unwirklich, vollkommen unglaublich. Es war zu perfekt.

Beim durchdringenden Piepen meines Weckers stöhnte ich dennoch enttäuscht auf. Obwohl ich mir ja eigentlich schon sicher war, dass es sich um einen Traum handeln musste. Aber musste einen der Wecker auch immer an der schönsten Stelle unterbrechen? Das war doch nicht fair! Ich hielt die Augen weiterhin geschlossen und versuchte so den Traum irgendwie festzuhalten. Was mich wunderte war, dass mir das auch ganz gut zu gelingen schien. Wenn das ein Traum war und ich durch das Klingeln aufgewacht war… Warum hatte ich das Gefühl Edwards Stirn immer noch an meiner spüren zu können? Warum glaubte ich immer noch seine Arme in meinem Rücken zu fühlen? Und warum bildete ich mir ein ihn leise grummeln zu hören?

Dann rührte sich plötzlich jemand direkt neben mir und ich verstand die gegrummelten Worte. „Warum jetzt? Sorry Bella.“ Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich nicht geträumt hatte. Das Geräusch was ich für meinen nervigen Wecker gehalten hatte war der grauenhafte Klingelton seines Handys. Es war tatsächlich passiert. Ich hatte Edward Masen geküsst oder besser gesagt, wir hatten uns geküsst. Und wie… Halleluja! Ich konnte mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen und wagte es endlich die Augen zu öffnen.

Edward stand mir noch immer gegenüber, sein Arm lag auch noch um mich und er strich langsam meine Wirbelsäule rauf und runter. Mit der anderen Hand kramte er in seiner Hosentasche nach dem Störfaktor Handy. Schließlich fand er es und nahm den Anruf entgegen: „Ja?“ Was auch immer erwidert wurde, es veranlasste Edward dazu seine Hand auf meinem Rücken still zu halten. „Was sagst du? Wo?“, erwiderte er. Während er der Person am Telefon zuhörte, fuhr er sich durchs Haar und rieb sich übers Gesicht. Zu meinem Bedauern entfernte er dadurch kurzzeitig seine warme Hand von meinem Rücken, doch schnell lag ich wieder in seinem Arm. Ich sah wie sein Blick immer wieder zu mir huschte. Langsam wurde ich neugierig worum es ging und mit wem er sprach. Das wurde noch verstärkt, als ich seine nächste Aussage hörte. „Verdammt Süße, ich kann nicht. Stell keinen Blödsinn an, wir sehen uns dann morgen.“

Ich verkrampfte mich und wand mich aus seiner Umarmung. Süße? Schnell brachte ich ein paar Schritte Abstand zwischen uns. Edward steckte das Handy weg und sah mich verdutzt an. Das machte mich unendlich wütend. „Süße?“, giftete ich. Augenblicklich erhellte sich seine Mine und er schmunzelte. Das bewirkte bei meiner Laune allerdings das genaue Gegenteil. „Was ist so witzig daran?“ Trotz der ganzen Wut und meiner von Natur aus ziemlich großen Neugierde, war ich drauf und dran einfach umzudrehen und abzuhauen. Ich wollte nicht wirklich hören, dass meine Bedenken doch gerechtfertigt waren, noch dazu nach so kurzer Zeit.

„Wehe du haust jetzt einfach ab ohne mich die Sache erklären zu lassen“, kam von Edward. Es war ja so klar, dass er meine Absichten sofort durchschaute. Unbewusst verschränkte ich die Arme und schmollte. „So süß du mit vorgeschobener Unterlippe auch aussiehst Bella, es ändert nichts daran, dass du mir jetzt einfach zuhörst. Dann wirst du alles verstehen“, meinte er und streckte seine Hand nach mir aus.

„Ach ja? Na da bin ich ja gespannt“, rief ich und schlug seine Hand weg. Daraufhin vergrub er seine Hände in den Hosentaschen und hörte nicht auf zu schmunzeln. Es machte mich wahnsinnig, er machte mich wahnsinnig.

„Hör mir zu Bella, es ist ein Missverständnis“, fing er an. „Ich habe grade mit Rose telefoniert. Du musst es mir glauben.“

„Mit Rose? Sicher? Du willst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass du gerade mit deiner großen Schwester telefoniert hast und sie Süße genannt hast? Ehrlich mal Edward, verarschen kann ich mich alleine. Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“

Edward zog sein Handy wieder hervor und hielt es mir hin. „Da nimm… ruf Rose an und frag sie“, bot er mir an.

Sein Handeln ließ mich stutzen: „Du hast wirklich mit Rose telefoniert?“

„Ja, ich schwöre“, erwiderte er ernst.

Beschämt schlug ich mir die Hände vors Gesicht. „Oh Gott, Edward. Scheiße… tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe. Warum bin ich nur immer so verdammt misstrauisch?“ Es war mir so unangenehm, dass ich ihm nicht ganz einfach geglaubt hatte. Wo war das Loch in das man versinken konnte, wenn man es dringend brauchte? Edward kam einfach zu mir und legte die Arme um mich. Mit den Händen immer noch vor meinem Gesicht, wurde ich gegen seinen Oberkörper gedrückt.

„Ist schon gut, ich kann es dir nicht wirklich verübeln“, murmelte er. „Ich geb ja zu, dass es ungewöhnlich ist seine Schwester Süße zu nennen. Bei uns ist es nur einfach so, schon immer.“ Dann schob er mich ein Stück zurück und ich konnte förmlich spüren, wie er mich betrachtete. Mit seinen Händen umschloss er meine Handgelenke und zog sie auseinander. Dadurch war ich quasi gezwungen ihn wieder anzusehen. Er lächelte mich schief an: „Und dein niedliches Schmollen war es wirklich wert.“

Da er immer noch meine Arme fest hielt, konnte ich mein Gesicht und die aufkommende Röte nicht wieder hinter meinen Handflächen verstecken. „Ah Edward. Sag sowas nicht.“

„Was denn? Das brauch dir doch nicht peinlich sein.“ Endlich ließ er meine Hände los und umschlang meine Hüfte.

Ich war dennoch unsicher wegen meiner Reaktionen in den letzten Minuten und spielte mit den Kordeln von Edwards Sweater. „Ehm, also was wollte Rose?“, nuschelte ich um ihn abzulenken.

Edward runzelte kurz die Stirn und verzog das Gesicht. „Sicher, dass du es wissen willst?“, fragte er und ich nickte. „Nun ja, sie hat mir von einem Rennen erzählt, dass heute stattfinden soll und bei dem ein alter Konkurrent mitfährt. Wodurch es ihrer Meinung nach auch sehr interessant für mich ist“, erzählte er so schnell, dass es mir schwer fiel ihn zu verstehen.

Trotzdem war ich mir sicher, dass ich mich nicht verhört hatte. Also wollte ich mehr erfahren. „Was denn für ein Rennen?“

„Genau genommen ist es ein illegales Autorennen. Die finden oft statt, allerdings immer ziemlich kurzfristig. Immerhin darf es ja die Polizei nicht erfahren. Rose wird immer auf dem Laufenden gehalten da sie selbst sehr regelmäßig in den Rennen an den Start geht. Sie informiert mich dann, vor allem wenn es für mich interessant sein könnte. Ich bin früher so gut wie immer am Start gewesen, aber inzwischen nicht mehr ganz so oft. Doch es ist eine gute Möglichkeit für mich schnell Geld zu verdienen. Ich hab zwar zurzeit kein vernünftiges Auto dafür, für meinen Zweitwagen ist mir das Risiko zu groß, dass es bei einem Rennen beschädigt wird. Aber zum Glück hab ich ja mein Motorrad“, erklärte er mir ausgiebig. Dabei breitete sich auf seinem Gesicht ein glückliches Lächeln aus. Etwa so wie bei mir, wenn ich mich im Wasser befand. Enthusiastisch fügte er hinzu: „Heute könnte ich den Arschlöchern mal wieder einen reinwürgen.“ Er stockte und sah mich lange an. „Versteh das jetzt nicht falsch, ich…“, fing er an und brach mitten im Satz ab.

Ich ließ ihm auch gar nicht die Gelegenheit weiter zu reden und fragte: „Willst du hin?“

„Nein“, meinte Edward etwas zu schnell und schüttelte dabei vehement den Kopf.

Ich legte ihm die Hände auf die Brust und sah zu ihm auf. „Ach ja?“

Er senkte den Kopf um mir in die Augen sehen zu können. Ich konnte sehen, wie er sich dagegen wehrte. Es war ganz deutlich in seinen Augen zu erkennen. Sie funkelten vor Aufregung doch zugleich sah er mich auch besorgt an, fast so als hätte er ein schlechtes Gewissen. Doch dann gab er endlich nach. Er nickte leicht und fing an: „Ja gut, es wär schon verdammt genial, aber…“

„Nichts aber“, unterbrach ich ihn. „Edward Masen, wenn du da gerne hinwillst… und seh dir doch an wie viel dir daran liegt, leugnen ist also zwecklos… dann werden wir dort heute Abend auch hinfahren. Basta!“

Dann legte er seinen Kopf etwas schief, runzelte die Stirn und biss sich ein wenig auf die Unterlippe. „Bist du dir sicher? Ich meine, diese Rennen sind ja nicht gerade ungefährlich. Noch dazu ziemlich illegal. Die Polizei durchkreuzt die Rennen eigentlich öfter, als das sie ungestört ablaufen. Hinzu kommen die Leute die da sind, es sind halt solche wie… nun ja… wie James. Wir werden da nur hinfahren, wenn du dir absolut sicher bist auf was du dich da einlässt.“

Ich lachte: „Ich glaube man kann sich bei sowas nie sicher sein, worauf man sich da wirklich einlässt. Dennoch bin ich mir absolut sicher, dass es für mich in Ordnung geht. Den Nervenkitzel lass ich mir nicht entgehen. Wenn es ginge, würde ich sogar darauf bestehen, während des Rennens bei dir mit zu fahren. Wir fahren da hin und du zeigst es ihnen.“

„Sicher?“

„Edward, fang nicht schon wieder an“, drohte ich und hob mahnend den Zeigefinger.

Daraufhin legte er eine Hand an meine Wange und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. In den Kuss hinein murmelte er: „Du bist echt unglaublich Bella. Weißt du das? Unglaublich toll“

„Halt die Klappe“, nuschelte ich nur.

Schließlich lösten wir uns voneinander und gingen zurück ins Restaurant. Während Edward an der Theke mit Liam sprach und bezahlte, ging ich zu unserem Tisch um meine Jacke zu holen. Dort warf ich einen Blick auf das längst geschmolzene Eis. „Das schöne Eis“, meinte ich kichernd.

Von hinten schlangen sich zwei Arme um meinen Bauch und Edward legte seinen Kopf auf meiner Schulter ab. „Du kriegst ein Neues.“

Ich drehte mich in seinen Armen zu ihm um und erwiderte: „Das will ich auch hoffen.“

~*~

Etwa eine Stunde später stand Edward mit seinem Motorrad an der imaginären Startlinie und wartete auf seinen Konkurrenten. Seinen Helm hatte er vor sich abgelegt und stützte sich darauf mit seinen Armen ab. Er grinste mich an, während Rose wie verrückt auf ihn einredete. Sie hatte gerade von unserem Zusammentreffen mit James erfahren und versuchte Edward nun davon abzuhalten das Rennen zu fahren. „Edward Anthony Masen, du sturköpfiger Vollidiot. Du fährst dieses dämliche Rennen nicht. Bist du jetzt komplett durch geknallt?“, fuhr sie ihn an.

Doch Edward ließ sich von ihren Schimpftiraden nicht beeindrucken: „Jetzt mach mal halblang Rose. Es ist nur ein Rennen und Laurent besiege ich doch blind.“

„Das ist ja eben meine Sorge. Du nimmst das ganze wieder auf die leichte Schulter“, rief seine Schwester aufgebracht, „Willst du mir allen Ernstes erzählen, dass dein Treffen mit James dich kein Stück beeinflusst? Wo er und Laurent doch beide für Aro fahren? Ich bin zwar blond, aber nicht bescheuert.“ Dabei stemmte sie die Hände in die Hüfte und sah ihn streng an.

Ich fragte mich warum sie sich so aufregte. Immerhin hatte sie ihm ja von dem Rennen erzählt. Daher war es für mich schleierhaft, warum sie ihn jetzt davon abhalten wollte zu fahren. Allerdings schienen ihre Sorgen berechtig zu sein, denn auch Emmett, der sich ansonsten eher im Hintergrund hielt, sah seinen besten Freund ziemlich beunruhigt an. Langsam fragte ich mich, ob ich ihre Sorgen vielleicht teilen sollte. Schließlich erinnerte ich mich noch zu gut an seine Reaktion, nachdem wir auf James getroffen waren. Da war er ziemlich durch den Wind gewesen. Ich hatte zwar gedacht, dass er das überwunden hatte. Doch wenn es stimmte und sein Konkurrent ebenfalls irgendwas mit diesem Aro zu tun hatte, dann wäre es ja nur logisch wenn die Emotionen wieder hochkommen würden.

„Ich weiß, dass du nicht bescheuert bist Süße“, schmunzelte Edward und sah kurz zu ihr. Dann wandte er seinen Blick wieder mir zu: „Bella du brauchst dir keine Sorgen machen, hör einfach gar nicht auf Rose. Ich weiß was ich tue“

Sogleich schnaubte Rose auf und funkelte ihn an. „Das weißt du nicht. Du hast im Moment doch nichts anderes im Kopf, als diesen Idioten eins auszuwischen. Verdammt Edward, bei Rennen gegen irgendwen von Aros Leuten bist du schon immer ziemlich leichtsinnig. Nur um ihnen zu beweisen, dass du besser bist. Aber wenn du vorher auch noch eine Auseinandersetzung mit James hattest, dann fährst du wie ein Besengter“, regte sie sich auf. „Scheiße Brüderchen, hast du vergessen wo du das letzte Mal danach gelandet bist? Und das Rennen war nicht mal gegen Laurent und Konsorten. Na… erinnerst du dich? Vielleicht solltest du das deiner Freundin erzählen“

Jetzt wurde ich hellhörig, das hörte sich nicht sehr beruhigend an. Ich trat ein paar Schritte zurück und betrachtete ihn misstrauisch. Als Edward das sah, funkelte er seine Schwester an und kniff sich in den Nasenrücken. „Rose das ist jetzt doch wohl total egal“, stöhnte er auf.

„Also so egal finde ich das nicht“, schaltete ich mich ein, „ich würde schon gerne wissen was Rose damit meinte. Wenn ich mir Sorgen machen muss, wäre das eine ziemlich wichtige Information.“ Ich verschränkte die Arme und wartete auf seine Antwort.

Gleichzeitig legte Emmett einen Arm um Rose. „Da hat sie vollkommen Recht Ed“, meinte er. „Aber das lassen wir euch am besten alleine klären und wir machen solange Roses Wagen startklar für ihr Rennen.“ Er ließ Rose erst gar nicht etwas dagegen erwidern, sondern zog sie mit sich und ließ uns damit alleine.

Edward starrte ihnen hinterher, bevor er tief durchatmete. „Du willst es wirklich wissen?“, fragte er und fuhr fort als ich nickte. „Ich habe James kurz vor einem Rennen getroffen, ganz ähnlich wie heute. Wir sind ziemlich aneinander geraten. Im Rennen bin ich dann etwas zu schnell in die letzte Kurve gefahren und das Hinterrad ist ausgebrochen. Rose hat mich danach auf direktem Weg ins Krankenhaus gebracht. Aber mal ehrlich? Sie übertreibt maßlos. Ich hatte mir nur den Ellenbogen gebrochen.“

„Das soll mich jetzt beruhigen?“, fragte ich. Edward verzog das Gesicht und starrte stur geradeaus. Also ging ich wieder zu ihm und legte meine Hände auf seine Arme.

In dem Moment hielt ein weiteres Motorrad neben Edward. Der Fahrer schob das Visier hoch und sah zu uns rüber. Es war ein dunkelhäutiger Mann mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Als er über die Schulter sah, traf sein Blick auf James, der einige Meter hinter ihm stand und das Grinsen hämisch erwiderte. Das musste also Laurent, Edwards Konkurrent, sein. Er nickte James zu, der daraufhin verschwand.

Edward verfolgte das Geschehen grimmig und verspannte sich. „Ich will einfach nur fahren“, meinte er geradezu mechanisch.

Woraufhin ich erwiderte: „Und ich will nicht, dass dir etwas passiert.“ Dabei verstärkte ich den Druck auf seinen Armen und er sah mich endlich wieder an. In seinen Augen sah ich wie entschlossen er war, sein Vorhaben durchzusetzen. „Du hast mir das Versprechen abgenommen nicht leichtsinnig zu sein. Um das gleiche will ich dich jetzt auch bitten.“

Auf Edwards Gesicht bildete sich ein leichtes Lächeln. Er entzog seine Arme meinem festen Griff und nahm mich stattdessen in den Arm. „Bleib bitte bei Emmett“, murmelte er eindringlich, „wenn irgendwas ist, dann wird er dich von hier wegbringen. Er kann es sich nicht leisten Ärger mit der verdammten Polizei zu bekommen. Daher hält er sich auch soweit es geht raus und ist nur hier weil er sich Sorgen um Rose macht. Auf diese Weise bleibt dir der Ärger auch erspart.“

„Hey ihr zwei Turteltauben, können wir dann mal?“, kam es von Laurent. Er hatte sein Visier wieder runter geschoben, dadurch klang seine Stimme gedämpft. Dennoch war sein französischer Akzent nicht zu überhören. Ich hasste ihn jetzt schon, ebenso wie James und vollkommen unbekannterweise Aro. Immerhin sorgten sie dafür, dass Edward sich freiwillig in vollkommen unnötige Gefahr begab. Sicherlich waren all unsere Hobbys nicht ungefährlich, doch dies hier war anders. Es war ein verdammter Pisswettbewerb, der schnell tödlich enden konnte.

Edward hielt mich weiter im Arm während er sich etwas aufrichtete. Er nickte dem Kerl mit Megafon zu, der das Rennen starten sollte und am Rand der Strecke wartete. Dann wandte er sich wieder mir zu und drückte ein paar Sekunden seine Lippen an meine Schläfe. Ohne den Blick von mir abzuwenden, rief er seinem Konkurrenten danach zu: „Nicht so ungeduldig Laurent, du wirst schon noch früh genug meinen Staub schlucken.“

Bevor er sich den Helm aufsetzen konnte, vergrub ich meine Hände in seinen Haaren und gab ihm einen langen Kuss. Dabei drückte er mich an sich und ich zog sanft an seiner Unterlippe. Dann löste ich mich von ihm und flüsterte: „Sei vorsichtig.“

„Ich versprechs“, antwortete Edward ernst und ich glaubte ihm. Danach setzte er seinen Helm auf und machte sich für das Rennen bereit. Trotz allem konnte ich meine Sorgen natürlich nicht vergessen. Doch hatte ich schnell gemerkt, dass er sich nicht von seinem Vorhaben abhalten lassen würde. Wie hatte Rose es so passend bezeichnet? Er war ein sturköpfiger Vollidiot. Allerdings ein verdammt heißer sturköpfiger Vollidiot. Wenn nicht einmal seine Schwester ihn davon abhalten konnte, würde ich es eh nicht schaffen. Also ließ ich ihm seinen Willen und hoffte stattdessen, dass nichts passierte.

Ich trat etwas zurück und hielt Ausschau nach Emmett und Rose. Die beiden waren zurück gekommen und standen wenige Meter entfernt. Während Emmett mir zuzwinkerte und das Victory-Zeichen zeigte, starrte Rose grimmig und mit verschränkten Armen ihren Bruder an. Dieser wartete gespannt auf das Startsignal und da ich ihn in seiner Konzentration nicht stören wollte, ging ich zu den anderen. Roses Reaktion tat ich mit einem Schulterzucken ab, ich konnte sie gut verstehen. Vielleicht hatte sie ja auch insgeheim gehofft, dass ich ihn überzeugen konnte. Mir war allerdings schleierhaft wie ich das hätte schaffen sollen. Also stellte ich mich neben Emmett und fragte ihn nach Edwards Chancen. „Wenn er nicht zu viel riskiert, dann hat Laurent keine Chance gegen ihn“, gab er als Antwort.

Als das Rennen schließlich gestartet war, betrachtete ich die Sache schon etwas zuversichtlicher. Tatsächlich lag Edward in Führung als er aus unserem Blickfeld verschwand. Ich hatte keine Ahnung wo die Strecke lang führte. Alles was ich wusste war, dass die Startlinie zugleich auch die Ziellinie war. Zur Beobachtung des Rennens hatten wir wirklich nicht die besten Plätze, doch für uns zählte ohnehin nur die Zieleinfahrt.

Doch es kam wie es kommen musste. Nur wenige Minuten nach dem Start gab der Starter irgendwelche Zeichen. Daraufhin brach allgemeine Aufbruchsstimmung aus. „Bella komm, wir müssen weg“, rief Emmett mir zu während er sich schon in Bewegung setzte. Mechanisch folgte ich ihm und lief prompt in seinen breiten Rücken. „Sorry B.“ Er war stehen geblieben, da Rose keine Anstalten machte uns zu folgen. „Rose, verdammt jetzt komm“, rief Emmett ihr zu.

„Geh Em, ich such Ed“, erwiderte sie. Als Emmett zu einer Antwort ansetzte, würgte sie ihn ab: „Schatz du muss hier verschwinden, aber ich bleib hier wegen Edward.“

„Pass auf!“, murmelte er zum Abschied und setzte seinen ursprünglichen Weg widerwillig fort. Mit schnellen Schritten ging er zu seinem Auto und ich musste fast schon rennen um nicht zurück zu bleiben.

Kaum saßen wir beide in seinem Wagen, fuhr Emmett auch schon los. Allerdings wollte ich endlich wissen was los war und bombardierte ihn geradezu mit Fragen und ähnelte damit wohl eher Alice als mir selber. Daraufhin lächelte er endlich wieder und zeigte seine Grübchen. Zuvor hatte er mit zusammengepresstem Kiefer auf die Straße gestarrt und hatte dabei tiefe Sorgenfalten im Gesicht. „Eins nach dem Anderen Bella. So viele Fragen auf einmal kann ja kein Mensch beantworten“, erklärte er dann. „Die Polizei hat von dem Rennen erfahren. Zum Glück ist immer jemand da, der den Polizeifunk abhört. So kann schnell genug reagiert werden und alle können verschwinden. Das Problem ist nur die Fahrer zu informieren, die gerade ein Rennen fahren. Sie könnten dann nichtsahnend den Bullen direkt in die Arme laufen.“

„Aber Edward fährt gerade!“, rief ich alarmiert. Immer noch unangeschnallt drehte ich mich zu Emmett, um ihn besser beobachten zu können.

Der versuchte mich allerdings zu beruhigen: „Deswegen ist Rose ja dort geblieben. Sie will versuchen ihn abzufangen, damit er auch abhaut. Ed hatte schon genug Ärger, eine Anzeige wegen Gefährdung des Straßenverkehrs ist das Letzte was er im Moment gebrauchen kann.“

Damit erreichte er jedoch das genaue Gegenteil. Ich vergrub meine Hände im weichen Leder der Sitze, als ich nachhakte: „Was für Ärger?“

Emmett antwortete nicht sofort. Es war ihm aber anzusehen, wie unwillkommen ihm genau diese Frage war. „Ehm… naja halt wegen den Rennen und… äh… mit Aro und… nun ja… noch so ein paar Kleinigkeiten.“ Dabei rutschte er unruhig auf seinem Sitz hin und her und sein Blick huschte immer wieder zu mir.

„Kleinigkeiten?“, wiederholte ich misstrauisch und beugte mich halb über die Mittelkonsole.

Erneut sah er zu mir, doch diesmal rief er: „Verdammt Bella, würdest du dich bitte anschnallen. Wie dir vielleicht aufgefallen sein sollte, fahre ich nicht gerade Schrittgeschwindigkeit und bin mit meinen Gedanken noch dazu ganz woanders.“ Dabei wedelte er mit seiner Pranke vor meinem Gesicht herum.

„Das ist mir sowas von egal gerade“, erwiderte ich abwehrend. „Ich vertraue deinem Fahrtalent voll und ganz.“

„Na zumindest einer von uns“, murmelte Emmett leise. Als ich ihn weiter anstarrte, seufzte er frustriert auf. „Du bist gut, du bist verdammt gut“, grummelte er. „nutzt du dein Talent Leute Überzeugen zu können wenigstens auch beruflich?“ Treffer, versenkt. Doch zum Glück schien er keine Antwort zu erwarten. „Mach dir keinen Kopf. Edward kommt schon klar. Das ist eigentlich alles Geschichte, aus und vorbei.“

Mehr konnte ich als Antwort wohl nicht erwarten. Dass er Probleme hatte mit James und diesem Aro wusste ich ja ohnehin schon. Hinzu kam jetzt zwar noch Ärger mit der Polizei, doch im Grunde hatte ich mir etwas in der Richtung auch schon denken können.

So aufmerksam und zuvorkommend Edward zu mir war, ihm war dennoch anzusehen, dass er kein Unschuldslamm war. Wenn er in Forks auftauchen würde, wäre er meinem Vater – dem Auge des Gesetzes – sofort ein Dorn im Auge. Charlie würde geradezu darauf lauern, Edward bei einer Straftat zu erwischen. Die typischen Vorurteile eines Dorfsherrifs halt.

Als mich Emmett vor dem Apartmentgebäude absetzte, war ich tief in Gedanken versunken. Nicht nur über die eigenwilligen Angewohnheiten meiner Eltern und das spießige Kleinstadtleben in Forks grübelte ich nach, sondern auch darüber wie es wäre Edward dort mit hin zu nehmen. Das Gerede wäre groß und der Skandal perfekt. Zumindest aus Sicht meiner Eltern. Ich war mir allerdings sicher, dass es doch einige ehemalige Mitschülerinnen gab, die ihn durchaus anziehend fänden. Kunststück, er sah ja auch verboten gut aus. Als Schreck einer jeden Schwiegermutter, wurde er für einige von ihnen nur noch interessanter. Wer stand denn nicht auf einen heißen Badboy?

Mir wurde mit einem Schreck bewusst, dass ich allen Ernstes darüber nachdachte Edward als festen Freund meinen Eltern vorzustellen obwohl wir gerademal ein Date gehabt hatten. Welches noch dazu von dem Rennen und dem damit verbundenen Drama unterbrochen worden war. Ich schimpfte mit mir selber darüber, dass ich mir schon eine ernste Beziehung ausmalte obwohl wir noch nicht mal ansatzweise zusammen waren und darüber, dass ich überhaupt über sowas nachdenken konnte, wo die Chance groß war, dass Edward von der Polizei geschnappt worden war und jetzt Probleme bekam.

„Hallo! Erde an Bella… wir sind da“, meinte Emmett und rüttelte leicht an meiner Schulter. Zumindest war es seiner Meinung nach leicht, doch mich schüttelte er damit ziemlich kräftig durch.

Daher kicherte ich: „Em lass das, ich bin doch keiner deiner Cocktails.“ Dann öffnete ich die Tür und stieg aus.

Emmett beugte sich nochmal rüber und entgegnete grinsend: „Nicht? Hast Recht, du siehst auch eher aus wie ein Milchshake. Wie bist du hier nur so weiß geblieben? Schließlich hatten wir gerade Sommer und der war nicht von schlechten Eltern.“

„Bye Emmett“, war alles was ich ihm lachend antwortete und schloss die Tür. Ich sah ihm noch kurz hinterher wie er sich durch den Verkehr schlängelte und ging dann in meine Wohnung. Dort traf mich die Sorge um Edwards Gesundheit wieder mit voller Wucht. Zwischendurch war sie erfolgreich verdrängt worden vom Gerede über Edwards Probleme und nicht zu vergessen meinen irrsinnigen Tagträumereien. Ich hatte kurzzeitig ganz vergessen, dass er sich ja trotz allem in einem Rennen befunden hatte und in diesem womöglich gestürzt war. Die Unterbrechung durch die Polizei, hatte das Rennen ja schließlich nicht beeinflussen können. Es war gut möglich, dass Edward einen Unfall gebaut hatte, bevor er gewarnt werden konnte oder die Polizei ihn stoppte. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich dieses klitzekleine Problem so ganz vergessen hatte.

Sofort holte ich mein Handy hervor und versuchte Edward anzurufen, doch es ging nur die Mailbox dran. „Hey Edward, ich wollte nur mal hören ob alles in Ordnung ist. Bella“, hinterließ ich nervös, als die nervige Bandansage endlich durch den leisen Piepton beendet wurde. Verzweifelt bemühte ich mich dabei meine Stimme nicht ganz so zittrig klingen zu lassen und endete damit, dass ich versuchen musste all meine Emotionen zu unterdrücken.

In der Nacht bekam ich nur wenig Schlaf, um nicht zu sagen so gut wie gar keinen. Angespannt wälzte ich mich ewig in meinem Bett herum, nur um dann immer wieder in einen unruhigen Schlaf einzutauchen, aus dem ich nur wenig später wieder hoch schreckte. Die ersten Male hatte ich dann versucht Edward vielleicht doch zu erreichen. Noch eine Nachricht wollte ich nicht auf seiner Mailbox hinterlassen und daher gab ich nach einem halben Dutzend unbeantworteter Anrufe auf. Meinem dringend benötigten Schlafpensum kam das jedoch auch nicht zugute.

Wie gerädert stand ich am nächsten Morgen schon lange vor dem Wecker klingeln auf. Da half auch eine ausgedehnte Dusche nicht um meine Lebensgeister zu wecken. Bei einem kurzen Blick in meine Küchenschränke fiel mir wieder ein, dass ich seit Tagen einkaufen gehen wollte. Vor allem mein Nikotin- und Koffeinvorrat war in der letzten Zeit beträchtlich gesunken und war kaum noch erwähnenswert. Mir war bewusst, dass ich mehr als eine Dröhnung Koffein brauchen würde, um den Tag zu überstehen. Daher lagerte ich mein Frühstück kurzerhand aus und zwar zu einer Kaffeequelle, die in absehbarer Zeit nicht versiegen würde. Schon gar nicht durch das viele Geld, was sie allein an diesem Morgen mit mir verdienen würde. Schon allein von meinem Kaffeekonsum und dem einiger meiner Angestellten, allen voran Alice, musste sich die Starbucks-Filiale in der Nähe meines Büros eigentlich finanzieren können.

Bevor ich losfuhr hatte ich mir ein schwarzes Kostüm angezogen, meine Haare zu einem schlichten Zopf zusammengebunden und Alice noch schnell eine Nachricht hinterlassen. Auch wenn bei meiner Konzentrationsfähigkeit an diesem Morgen nicht weit hin war und die Autofahrt dadurch nicht gerade ungefährlich war, zog ich vor den Morgen ohne Alice zu verbringen. Sie würde sich schon noch früh genug einmischen.

Genauer gesagt in der Mittagspause, als ich meine Sachen zusammen sammelte, um das Büro zu verlassen. Bis dahin war ich unkonzentriert gewesen und hatte immer wieder auf mein Handy geschielt, nur um festzustellen, dass ich noch immer keine neuen Anrufe oder Nachrichten bekommen hatte. Kurzzeitig flammte Hoffnung in mir auf, als gegen ein Uhr mein Handy klingelte. Doch schnell erkannte ich den Song und wusste, dass Alice mich anrief. Sie wollte sofort alles von meinem Date mit Edward erfahren. Ich vertröstete sie auf den Abend und schob vor in der Mittagspause noch einkaufen zu wollen. Eigentlich konnte von wollen ja gar keine Rede sein, immerhin musste ich einkaufen, wenn ich nicht verhungern oder völlig von Lieferservices abhängig sein wollte. Daher war eine schnelle Runde durch den Supermarkt nicht zu vermeiden und dafür eignete sich die Mittagspause einfach am besten. Ich hegte die leise Hoffnung, dass mich die Abwechslung vielleicht auf andere Gedanken brachte. Allerding war arbeitete ich nach meinem Einkauf genauso unkonzentriert weiter wie zuvor und ließ meine Sekretärin sich um so viele Anrufe der Kunden wie möglich kümmern zu lassen.

Kaum war ich nach der Arbeit in meiner Wohnung angekommen, da klopfte Alice auch schon an meiner Tür. Ich stellte die Einkaufstüten auf dem Küchentisch ab und ließ sie herein. Kaum hatte sie meine Wohnung betreten, schmiss sie sich mir an den Hals und sprudelte los: „Hey Sweety, also schieß los. Wie war dein Abend mit Edward? Was habt ihr gemacht? War es schön? Habt ihr euch geküsst? Wann trefft ihr euch wieder? Ihr trefft euch doch  wieder, oder? Jetzt erzähl endlich.“

Ich wand mich aus ihrer Umarmung und schüttelte kichernd den Kopf. „Eins nach dem anderen“, erklärte ich und ging los um meine Einkäufe zu verstauen. „Komm mit, du kannst mir helfen. Dann kochen wir was Schönes und ich erzähl ich dir alles.“

Eifrig machte sich Alice dran meine Einkäufe in sämtliche Schränke in meiner Küche zu stellen. Schon am nächsten Tag würde ich bereuen, dass sie mir geholfen hatte. Die chaotische Alice sorgte immer unbewusst dafür, dass ich später nichts wieder fand. Doch ich ließ sie machen und versuchte mir so gut wie möglich zu merken wo sie die Dinge platzierte. So fand sich mein Müsli unter der Spüle wieder und das Putzmittel im Apothekerschrank neben dem Kühlschrank. Das komische war, dass Lebensmittel, die ganz offensichtlich zusammen gehörten, dabei auch an unterschiedlichen Stellen landeten. Wie etwa die verschiedenen Pastasorten. So unterschiedlich waren Bandnudeln, Spaghetti, Rigatoni und Fafalle ja nun auch wieder nicht, oder? Scheinbar schon, denn nichts befand sich nach Alices Einräumen im selben Schrank.

Währenddessen setzte ich Wasser für die Nudeln auf und schmiss Hackfleisch in die Pfanne. Anschließend machten wir uns daran das Gemüse zu waschen und zu schneiden. Es sollte Nudeln mit selbstgemachter Bolognese-Soße geben. Während ich geübt die Zwiebel pellte und zerkleinerte, brach sich Alice fast einen dabei ab die Paprika zu entkernen. „Sag mal, wer von uns beiden ist eigentlich schon verheiratet? Der arme Jasper. Gestraft mit einer Frau, die sogar Nudeln anbrennen lässt“, stichelte ich daraufhin.

Als Antwort fuchtelte Alice wild mit ihrem Messer herum und maulte: „Das war nur ein Mal! Außerdem kocht Jasper immer, er kann das nämlich ausgezeichnet. Bei uns ist halt nicht die altmodische Rollenteilung. Wir führen eine moderne Ehe.“

„Ich sag ja armer Jasper. In eurer modernen Ehe hast du also die Hosen an und Jazz steht mit Schürze hinterm Herd und obendrein unterm Pantoffel?“, fragte ich lachend. Dann musste schnell etwas Sicherheitsabstand zwischen Alice mit dem Messer und mich bringen. Da ich mit der Zwiebel fertig war, kümmerte ich mich wieder um die Nudeln und das Fleisch. Danach wandte ich meine Aufmerksamkeit einer Zucchini und ein paar Tomaten zu.

„So ein Blödsinn, er steht ja sowas von gar nicht unterm Pantoffel“, schimpfte meine Freundin unterdessen und machte sich endlich daran, die Paprika klein zu schneiden.

Ich war erstaunt darüber, wie lange sie schon damit wartete wieder nach dem Date zu fragen. Also genoss ich die Schonfrist und stichelte stattdessen: „Bevor du verhungerst sag Bescheid, schließlich ist Jasper ja so gut wie nie da um für dich zu kochen. Woher kann er das eigentlich so gut? Das hab ich mich immer schon gefragt, wenn ich bei euch gegessen habe. Allerdings hatte ich da doch gelegentlich den Verdacht, ihr habt euch das Essen liefern lassen.“

„Bist du denn Wahnsinnig? Das würde Jasper nie tun“, kicherte Alice. Dann legte sie ihr Messer weg und schmiss ihre Paprikastücke in die Schüssel zum restlichen Gemüse. „Du weißt ja, dass seine Familie ziemlich groß ist. Und als eins der ältesten Kinder, musste er schon früh dabei helfen die jüngeren zu versorgen. Sein Vater arbeitet den ganzen Tag in einer Firma und verspielt das Geld abends gleich wieder. Jaspers Mutter hatte daher auch mehrere Jobs um die Familie zu ernähren. Zum Glück hat sie den Kerl vor einigen Jahren in den Wind geschossen. Aber sie ist eine fantastische Köchin und hat das Talent ihren Kindern scheinbar vererbt.“ Dabei rührte sie gedankenverloren in den Nudeln herum. Als ich neben sie trat um das von ihr außer Acht gelassene Hackfleisch zu wenden, sah sie auf. „Meinst du es gibt ein Gen, das die Kochkünste beeinflusst? Jaspers Mom kann es ebenso wie deine Mutter und ihr könnt auch beide kochen. Ich kann es einfach beim besten Willen nicht und meine Mutter kocht auch nie. Naja, außer vor Wut. Allerdings weiß ich bei ihr nicht, ob das vielleicht nur daran liegt, dass sie eine Haushälterin hat.“

„Ein Koch-Gen?“, fragte ich ungläubig und Alice nickte eifrig. „Du kommst auf Ideen Ali. Aber warum eigentlich nicht. Vielleicht hätte einer von uns Genforscher werden sollen, dann könnten wir dem Verdacht jetzt nachgehen.“ Dann fingen wir beide an zu kichern. Als ich mich etwas gefasst hatte schlug ich vor: „Such du doch eine schöne Flasche Wein raus und deck den Tisch. Ich mach das hier solange fertig. Ansonsten wird das nie etwas mit unserem Essen und du kommst nie an deine heiß ersehnten Informationen. Kannst dir ja schon mal eine Frage nach der anderen zu Recht legen, ich werde nicht auf hundert Fragen gleichzeitig antworten.“

Sofort fing Alice an zu strahlen und sauste davon. Als ich etwas später mit dem Essen zu ihr stieß, rutschte sie bereits neugierig auf ihrem Stuhl hin und her. Kaum dass ich die Töpfe abgestellt hatte, lud sie uns Nudeln und Soße auf die Teller. Und noch bevor ich saß, fragte sie auch schon was Edward und ich am Abend zuvor gemacht hatten. Zaghaft begann ich vom Beginn unseres Abends zu erzählen, von der rasanten Spritztour über den Highway, von Liam, dem leckeren Essen und dem Guinness. Ich unterbrach jedoch jäh als ich an der Stelle angelangt war, an der James auf der Bildfläche erschienen war. Um einen Moment nachdenken zu können, stopfte ich mir möglichst viele Nudeln auf einmal in den Mund. Das war allerdings keine sonderlich gute Idee, da sie doch noch sehr heiß waren. Mit Tränen in den Augen schluckte ich sie runter und stürzte sogleich die Hälfte meines Weines hinterher.

„Alles in Ordnung?“, kam kichernd von Alice und gleichzeitig füllte sie mein Glas wieder auf.

Ich nickte nur und meinte dann schlicht: „Tja und dann nahm der Abend eine ganz unerwartete Wendung.“

Für Alice‘ Geschmack machte ich wohl eine zu lange Pause, denn sofort hakte sie nach: „Jetzt spann mich doch nicht so auf die Folter Bells.“

„Nicht?“ Und nach einem plötzlichen Stimmungswandel gab ich ihr eine nicht ganz ernst gemeinte Zusammenfassung: „Na gut dann kurz und schmerzlos. Noch am Tisch hatte Edward Streit und ist danach raus gerannt. Ich bin hinterher und alles lief blendend, dann rief seine Süße an und wir sind zu einem illegalen Autorennen. Während er fuhr, hat sich die Polizei angekündigt und ich bin mit Emmett abgehauen. Punkt.“ Dann grinste ich meine Freundin hämisch an und wandte meine Aufmerksamkeit vorerst wieder meinem Essen zu.

„Mit ein paar mehr Worten darfst du es mir schon erzählen“, entgegnete Alice beleidigt. „Ich meine ja nur, dass du nicht immer an den spannendsten Stellen stoppen sollst.“

„Jaja ich weiß, aber du musst mir auch zwischendurch mal ein paar Sekunden zum Nachdenken eingestehen“, versuchte ich sie zu besänftigen. Ich trank einen weiteren Schluck Wein und lächelte zu ihr rüber. Dabei sah ich, wie sich ihre Gesichtszüge ebenfalls wieder entspannten.

Sekunden später sah sie schon wieder strahlend zu mir rüber. Dann redete sie mal wieder wie ein Wasserfall. „Also, mit wem hatte Edward Streit. Doch nicht etwa mit dir? Was soll das heißen, alles lief blendend? Du warst also wirklich bei einem dieser genialen Straßenrennen? Noch dazu bei einem, wo die Bullen aufgetaucht sind? Boah, darf ich das Thanksgiving bitte Charlie erzählen? Es würde mir die Zeit in Forks versüßen. Aber wo genau kam Emmett plötzlich her und was noch viel wichtiger ist, EDWARDS SÜSSE?“ Die letzten Worte waren eher Laute des Entsetzens als sonst irgendwas.

„Hab ich dir nicht eben noch gesagt, dass ich keine zigtausend Fragen auf einmal beantworte?“, zog ich sie scherzhaft aus. Dafür erntete ich eine rausgestreckte Zunge und eine Servierten-Attacke. „Edward hatte mit so einem Wiederling namens James Streit. Die kennen sich irgendwie von Früher und haben wohl ziemlichen Stress. James hat auch irgendwas mit diesen Rennen zu tun, Edwards Konkurrent gestern gehört zu ihm. Jedenfalls ist Edward nach diesem Streit raus gelaufen und ich kurz darauf hinterher. Er war ziemlich aufgebracht und besorgt, also hab ich versucht ihn zu beruhigen. Das ist mir dann auch schließlich gelungen indem ich ihn geküsst habe.“

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, wurde ich an der Stelle erneut von Alice unterbrochen. „Ihr habt euch geküsst? Das ist ja klasse, wie war es. Oh du musst mir alles erzählen.“ Sie benahm sich wie ein Teenager, dessen beste Freundin gerade den ersten Kuss ihres Lebens bekommen hatte, während sie selbst noch ungeküsst war. Aber als ich errötete und bis über beide Ohren anfing zu strahlen merkte ich, dass ich mich selber wie ein frisch verliebter Teenager fühlte. Somit war ich also keinen Deut besser als sie. Als Alice das sah, grinste sie breit und winkte ab: „Schon gut, ich sehe schon. Erzähl lieber weiter.“

„Dann wurde er von Rose angerufen und hat sie halt Süße genannt…“

„Rose wie Rosalie? Edwards Schwester Rose? Emmetts Freundin? Die Rose?“, warf die vor mir sitzende Neugierde in Person ein.

„Ja genau die“, bestätigte ich. Daraufhin sah Alice beruhigt aus und schob sich einige Nudeln mit noch mehr Soße in den Mund. Ich fuhr unterdessen fort: „Sie hat ihm von dem bevorstehenden Rennen erzählt. Rose fährt da nämlich ziemlich oft mit, musst du wissen. Edward fährt nur mit seinem Motorrad Rennen, sein Volvo ist nicht geeignet und sein anderes Auto ist ihm zu schade dafür. Dabei fällt mir ein, ich würde ja zu gerne wissen was das für eins ist. Naja kurz nach dem Start sind wir anderen gewarnt worden, dass die Bullen im Anmarsch sind. Daraufhin hat Emmett mich schnell nach Hause gebracht.“ Kurz dachte ich über meine nächsten Worte nach und fügte dann niedergeschlagen hinzu: „Seitdem habe ich nichts mehr von Edward gehört. Ich habe ihm noch in der Nacht auf die Mailbox gesprochen, doch er hat nicht zurück gerufen.“

„Und jetzt befürchtest du, dass die Polizei ihn vielleicht geschnappt hat“, meinte Alice. Obwohl es eine Frage sein sollte, klang es mehr wie eine Feststellung.

„Nun ja, nein. Vielleicht, aber eigentlich nicht“, entgegnete ich kopfschüttelnd. Traurig sah ich auf meinen Teller und spielte dabei mit der Papierservierte, die Alice mir kurz zuvor an den Kopf geschmissen hatte. „Es ist vielmehr so, dass ich tierische Angst habe ihm könnte etwas zugestoßen sein.“

Als Alice nachfragte wieso ich das dachte, gab ich mit wenigen Worten wieder, was ich von Rose erfahren hatte. „Du musst es ihm erzählen!“, hörte ich sie daraufhin nur sagen.

Etwas verwirrt schaute ich auf und bemerkte wie sie mich ernst musterte. „Was genau?“

„Na das du Isabella Swan bist und nicht einfach nur Bella.“

Entschlossen wand ich meinen Blick von ihr ab und entgegnete trotzig: „Warum? Schließlich habe ich das noch nie einem Kerl erzählt.“ Dabei zerfledderte ich nach und nach die arme Servierte.

„Du fragst nicht im Ernst warum, oder?“, entgegnete Alice spitz. „Vielleicht weil du dir auch noch nie solche Sorgen um einen davon gemacht hast!“

Patzig gab ich zurück: „Das ist was ganz anderes. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihm etwas passiert ist auch so verdammt hoch. Da würde sich jeder Sorgen machen.“

Ich konnte geradezu spüren, wie Alice versuchte mich mit ihrem Blick zu durchbohren. „Nein, das ist absolut nichts Anderes“, meinte sie ruhig. Gefährlich ruhig um genau zu sein, für mich konnte das nichts Gutes bedeuten. Dann folgte einer ihrer Monologe, die mich zur Vernunft bringen sollten. „Denk mal ein paar Jahre zurück, genauer an unsere High School Zeit. Erinnerst du dich noch an die eine Sache mit Jake? Da hast du dir keine Sorgen gemacht, als er nicht zu eurem Date erschienen ist und dich auch nicht zurückgerufen hat. Obwohl du wusstest, dass er nachmittags zum Klippenspringen wollte. Wobei er sich schon mehrmals verletzt hatte, wie auch an dem Tag. Sogar so sehr, dass er kurz ins Krankenhaus musste. Und jetzt sag du mir noch mal, dass es etwas vollkommen anderes ist.“

Darauf konnte ich nichts erwidern, schließlich hatte sie absolut Recht. Ich wusste ja selber, dass mir Edward inzwischen schon verflucht viel bedeutete. Himmel ja, schließlich jagte mir genau das schon eine Heidenangst ein. Doch ihm wirklich alles zu erzählen, war immer noch wieder etwas anderes. Im Grunde war mir klar, dass ich es ihm wirklich dringend sagen musste. Ich hatte es ja auch schon vorgehabt. Aber immer wenn es dazu kam, hatte ich Angst davor es wirklich auszusprechen. Das hielt mich letzten Endes auch davon ab, es aus ganzem Herzen und mit voller Überzeugung zu versuchen. Denn ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich mich davor fürchtete jemanden vollkommen in mein Leben zu lassen. Es machte einen so verletzbar. Eigentlich wollte ich doch vor nichts Angst haben und dennoch merkte ich nun, dass ich in Wirklichkeit schon mein Leben lang ein verdammter Feigling war. So kam eins zum anderen und machte die Situation für mich damit nicht unbedingt leichter. Im Gegenteil, von Tag zu Tag verkomplizierte es alles nur noch mehr. Verfluchter Teufelskreis.

Zum Glück entschied sich Alice dazu, mich vorerst nicht zu drängen. Stattdessen beschäftigte sie sich leise mit ihren Nudeln, während meine langsam aber sicher kalt und ungenießbar wurden. Es gab aber wohl nichts, was mich im Moment weniger störte. Dafür schwirrten mir viel zu viele wirre Gedanken durch den Kopf. So saßen wir auch nachdem sie fertig war, eine Weile schweigend da. Inzwischen war ich dabei angekommen mich innerlich darüber aufzuregen, dass Edward sich einfach nicht meldete. Das verdrängte kurzzeitig sogar meine Sorge um ihn und meiner Gefühle.

Dann klingelte Alices Handy und riss mich somit aus meinen deprimierenden Gedanken. Sie gab mir zu verstehen, dass es Jasper war. Daraufhin rief ich etwas lauter „Hey Jazz“ und stand auf. Ich wollte die beiden in Ruhe telefonieren lassen und beschloss in der Zwischenzeit den Tisch abzuräumen.

Etwas später kam Alice ebenfalls in die Küche. „Ich soll dich schön grüßen“, sagte sie sanft und trat zu mir. „Außerdem sollst du den Kopf nicht hängen lassen und heute Abend mit mir ausgehen.“ Leise grummelnd fuhr ich damit fort das Geschirr abzuwaschen. „Also? Bist du heute am Start?“, bohrte Alice erbarmungslos.



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