Mittwoch, 23. März 2011

Kapitel 4

Es war ein Traum. Es musste ein Traum sein. Was auch sonst? Edwards sanfte und doch fordernden Lippen auf meinen. Seine großen Hände, die mich vorsichtig an seinen Körper drückten. Seine weichen Nackenhärchen zwischen meinen Fingern. Sein Duft der mich umhüllte und beruhigte. Seine körperliche Nähe, die mich gefangen nahm. Sein Gesicht, welches ich trotz geschlossener Augen vor mir sah. Die Schmetterlinge, die ich in meinem Magen herumschwirren fühlte. Dieses plötzliche Gefühl, dass es genau so sein musste. Das konnte einfach nicht die Realität sein. Es war so unwirklich, vollkommen unglaublich. Es war zu perfekt.

Beim durchdringenden Piepen meines Weckers stöhnte ich dennoch enttäuscht auf. Obwohl ich mir ja eigentlich schon sicher war, dass es sich um einen Traum handeln musste. Aber musste einen der Wecker auch immer an der schönsten Stelle unterbrechen? Das war doch nicht fair! Ich hielt die Augen weiterhin geschlossen und versuchte so den Traum irgendwie festzuhalten. Was mich wunderte war, dass mir das auch ganz gut zu gelingen schien. Wenn das ein Traum war und ich durch das Klingeln aufgewacht war… Warum hatte ich das Gefühl Edwards Stirn immer noch an meiner spüren zu können? Warum glaubte ich immer noch seine Arme in meinem Rücken zu fühlen? Und warum bildete ich mir ein ihn leise grummeln zu hören?

Dann rührte sich plötzlich jemand direkt neben mir und ich verstand die gegrummelten Worte. „Warum jetzt? Sorry Bella.“ Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich nicht geträumt hatte. Das Geräusch was ich für meinen nervigen Wecker gehalten hatte war der grauenhafte Klingelton seines Handys. Es war tatsächlich passiert. Ich hatte Edward Masen geküsst oder besser gesagt, wir hatten uns geküsst. Und wie… Halleluja! Ich konnte mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen und wagte es endlich die Augen zu öffnen.

Edward stand mir noch immer gegenüber, sein Arm lag auch noch um mich und er strich langsam meine Wirbelsäule rauf und runter. Mit der anderen Hand kramte er in seiner Hosentasche nach dem Störfaktor Handy. Schließlich fand er es und nahm den Anruf entgegen: „Ja?“ Was auch immer erwidert wurde, es veranlasste Edward dazu seine Hand auf meinem Rücken still zu halten. „Was sagst du? Wo?“, erwiderte er. Während er der Person am Telefon zuhörte, fuhr er sich durchs Haar und rieb sich übers Gesicht. Zu meinem Bedauern entfernte er dadurch kurzzeitig seine warme Hand von meinem Rücken, doch schnell lag ich wieder in seinem Arm. Ich sah wie sein Blick immer wieder zu mir huschte. Langsam wurde ich neugierig worum es ging und mit wem er sprach. Das wurde noch verstärkt, als ich seine nächste Aussage hörte. „Verdammt Süße, ich kann nicht. Stell keinen Blödsinn an, wir sehen uns dann morgen.“

Ich verkrampfte mich und wand mich aus seiner Umarmung. Süße? Schnell brachte ich ein paar Schritte Abstand zwischen uns. Edward steckte das Handy weg und sah mich verdutzt an. Das machte mich unendlich wütend. „Süße?“, giftete ich. Augenblicklich erhellte sich seine Mine und er schmunzelte. Das bewirkte bei meiner Laune allerdings das genaue Gegenteil. „Was ist so witzig daran?“ Trotz der ganzen Wut und meiner von Natur aus ziemlich großen Neugierde, war ich drauf und dran einfach umzudrehen und abzuhauen. Ich wollte nicht wirklich hören, dass meine Bedenken doch gerechtfertigt waren, noch dazu nach so kurzer Zeit.

„Wehe du haust jetzt einfach ab ohne mich die Sache erklären zu lassen“, kam von Edward. Es war ja so klar, dass er meine Absichten sofort durchschaute. Unbewusst verschränkte ich die Arme und schmollte. „So süß du mit vorgeschobener Unterlippe auch aussiehst Bella, es ändert nichts daran, dass du mir jetzt einfach zuhörst. Dann wirst du alles verstehen“, meinte er und streckte seine Hand nach mir aus.

„Ach ja? Na da bin ich ja gespannt“, rief ich und schlug seine Hand weg. Daraufhin vergrub er seine Hände in den Hosentaschen und hörte nicht auf zu schmunzeln. Es machte mich wahnsinnig, er machte mich wahnsinnig.

„Hör mir zu Bella, es ist ein Missverständnis“, fing er an. „Ich habe grade mit Rose telefoniert. Du musst es mir glauben.“

„Mit Rose? Sicher? Du willst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, dass du gerade mit deiner großen Schwester telefoniert hast und sie Süße genannt hast? Ehrlich mal Edward, verarschen kann ich mich alleine. Für wie blöd hältst du mich eigentlich?“

Edward zog sein Handy wieder hervor und hielt es mir hin. „Da nimm… ruf Rose an und frag sie“, bot er mir an.

Sein Handeln ließ mich stutzen: „Du hast wirklich mit Rose telefoniert?“

„Ja, ich schwöre“, erwiderte er ernst.

Beschämt schlug ich mir die Hände vors Gesicht. „Oh Gott, Edward. Scheiße… tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe. Warum bin ich nur immer so verdammt misstrauisch?“ Es war mir so unangenehm, dass ich ihm nicht ganz einfach geglaubt hatte. Wo war das Loch in das man versinken konnte, wenn man es dringend brauchte? Edward kam einfach zu mir und legte die Arme um mich. Mit den Händen immer noch vor meinem Gesicht, wurde ich gegen seinen Oberkörper gedrückt.

„Ist schon gut, ich kann es dir nicht wirklich verübeln“, murmelte er. „Ich geb ja zu, dass es ungewöhnlich ist seine Schwester Süße zu nennen. Bei uns ist es nur einfach so, schon immer.“ Dann schob er mich ein Stück zurück und ich konnte förmlich spüren, wie er mich betrachtete. Mit seinen Händen umschloss er meine Handgelenke und zog sie auseinander. Dadurch war ich quasi gezwungen ihn wieder anzusehen. Er lächelte mich schief an: „Und dein niedliches Schmollen war es wirklich wert.“

Da er immer noch meine Arme fest hielt, konnte ich mein Gesicht und die aufkommende Röte nicht wieder hinter meinen Handflächen verstecken. „Ah Edward. Sag sowas nicht.“

„Was denn? Das brauch dir doch nicht peinlich sein.“ Endlich ließ er meine Hände los und umschlang meine Hüfte.

Ich war dennoch unsicher wegen meiner Reaktionen in den letzten Minuten und spielte mit den Kordeln von Edwards Sweater. „Ehm, also was wollte Rose?“, nuschelte ich um ihn abzulenken.

Edward runzelte kurz die Stirn und verzog das Gesicht. „Sicher, dass du es wissen willst?“, fragte er und ich nickte. „Nun ja, sie hat mir von einem Rennen erzählt, dass heute stattfinden soll und bei dem ein alter Konkurrent mitfährt. Wodurch es ihrer Meinung nach auch sehr interessant für mich ist“, erzählte er so schnell, dass es mir schwer fiel ihn zu verstehen.

Trotzdem war ich mir sicher, dass ich mich nicht verhört hatte. Also wollte ich mehr erfahren. „Was denn für ein Rennen?“

„Genau genommen ist es ein illegales Autorennen. Die finden oft statt, allerdings immer ziemlich kurzfristig. Immerhin darf es ja die Polizei nicht erfahren. Rose wird immer auf dem Laufenden gehalten da sie selbst sehr regelmäßig in den Rennen an den Start geht. Sie informiert mich dann, vor allem wenn es für mich interessant sein könnte. Ich bin früher so gut wie immer am Start gewesen, aber inzwischen nicht mehr ganz so oft. Doch es ist eine gute Möglichkeit für mich schnell Geld zu verdienen. Ich hab zwar zurzeit kein vernünftiges Auto dafür, für meinen Zweitwagen ist mir das Risiko zu groß, dass es bei einem Rennen beschädigt wird. Aber zum Glück hab ich ja mein Motorrad“, erklärte er mir ausgiebig. Dabei breitete sich auf seinem Gesicht ein glückliches Lächeln aus. Etwa so wie bei mir, wenn ich mich im Wasser befand. Enthusiastisch fügte er hinzu: „Heute könnte ich den Arschlöchern mal wieder einen reinwürgen.“ Er stockte und sah mich lange an. „Versteh das jetzt nicht falsch, ich…“, fing er an und brach mitten im Satz ab.

Ich ließ ihm auch gar nicht die Gelegenheit weiter zu reden und fragte: „Willst du hin?“

„Nein“, meinte Edward etwas zu schnell und schüttelte dabei vehement den Kopf.

Ich legte ihm die Hände auf die Brust und sah zu ihm auf. „Ach ja?“

Er senkte den Kopf um mir in die Augen sehen zu können. Ich konnte sehen, wie er sich dagegen wehrte. Es war ganz deutlich in seinen Augen zu erkennen. Sie funkelten vor Aufregung doch zugleich sah er mich auch besorgt an, fast so als hätte er ein schlechtes Gewissen. Doch dann gab er endlich nach. Er nickte leicht und fing an: „Ja gut, es wär schon verdammt genial, aber…“

„Nichts aber“, unterbrach ich ihn. „Edward Masen, wenn du da gerne hinwillst… und seh dir doch an wie viel dir daran liegt, leugnen ist also zwecklos… dann werden wir dort heute Abend auch hinfahren. Basta!“

Dann legte er seinen Kopf etwas schief, runzelte die Stirn und biss sich ein wenig auf die Unterlippe. „Bist du dir sicher? Ich meine, diese Rennen sind ja nicht gerade ungefährlich. Noch dazu ziemlich illegal. Die Polizei durchkreuzt die Rennen eigentlich öfter, als das sie ungestört ablaufen. Hinzu kommen die Leute die da sind, es sind halt solche wie… nun ja… wie James. Wir werden da nur hinfahren, wenn du dir absolut sicher bist auf was du dich da einlässt.“

Ich lachte: „Ich glaube man kann sich bei sowas nie sicher sein, worauf man sich da wirklich einlässt. Dennoch bin ich mir absolut sicher, dass es für mich in Ordnung geht. Den Nervenkitzel lass ich mir nicht entgehen. Wenn es ginge, würde ich sogar darauf bestehen, während des Rennens bei dir mit zu fahren. Wir fahren da hin und du zeigst es ihnen.“

„Sicher?“

„Edward, fang nicht schon wieder an“, drohte ich und hob mahnend den Zeigefinger.

Daraufhin legte er eine Hand an meine Wange und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. In den Kuss hinein murmelte er: „Du bist echt unglaublich Bella. Weißt du das? Unglaublich toll“

„Halt die Klappe“, nuschelte ich nur.

Schließlich lösten wir uns voneinander und gingen zurück ins Restaurant. Während Edward an der Theke mit Liam sprach und bezahlte, ging ich zu unserem Tisch um meine Jacke zu holen. Dort warf ich einen Blick auf das längst geschmolzene Eis. „Das schöne Eis“, meinte ich kichernd.

Von hinten schlangen sich zwei Arme um meinen Bauch und Edward legte seinen Kopf auf meiner Schulter ab. „Du kriegst ein Neues.“

Ich drehte mich in seinen Armen zu ihm um und erwiderte: „Das will ich auch hoffen.“

~*~

Etwa eine Stunde später stand Edward mit seinem Motorrad an der imaginären Startlinie und wartete auf seinen Konkurrenten. Seinen Helm hatte er vor sich abgelegt und stützte sich darauf mit seinen Armen ab. Er grinste mich an, während Rose wie verrückt auf ihn einredete. Sie hatte gerade von unserem Zusammentreffen mit James erfahren und versuchte Edward nun davon abzuhalten das Rennen zu fahren. „Edward Anthony Masen, du sturköpfiger Vollidiot. Du fährst dieses dämliche Rennen nicht. Bist du jetzt komplett durch geknallt?“, fuhr sie ihn an.

Doch Edward ließ sich von ihren Schimpftiraden nicht beeindrucken: „Jetzt mach mal halblang Rose. Es ist nur ein Rennen und Laurent besiege ich doch blind.“

„Das ist ja eben meine Sorge. Du nimmst das ganze wieder auf die leichte Schulter“, rief seine Schwester aufgebracht, „Willst du mir allen Ernstes erzählen, dass dein Treffen mit James dich kein Stück beeinflusst? Wo er und Laurent doch beide für Aro fahren? Ich bin zwar blond, aber nicht bescheuert.“ Dabei stemmte sie die Hände in die Hüfte und sah ihn streng an.

Ich fragte mich warum sie sich so aufregte. Immerhin hatte sie ihm ja von dem Rennen erzählt. Daher war es für mich schleierhaft, warum sie ihn jetzt davon abhalten wollte zu fahren. Allerdings schienen ihre Sorgen berechtig zu sein, denn auch Emmett, der sich ansonsten eher im Hintergrund hielt, sah seinen besten Freund ziemlich beunruhigt an. Langsam fragte ich mich, ob ich ihre Sorgen vielleicht teilen sollte. Schließlich erinnerte ich mich noch zu gut an seine Reaktion, nachdem wir auf James getroffen waren. Da war er ziemlich durch den Wind gewesen. Ich hatte zwar gedacht, dass er das überwunden hatte. Doch wenn es stimmte und sein Konkurrent ebenfalls irgendwas mit diesem Aro zu tun hatte, dann wäre es ja nur logisch wenn die Emotionen wieder hochkommen würden.

„Ich weiß, dass du nicht bescheuert bist Süße“, schmunzelte Edward und sah kurz zu ihr. Dann wandte er seinen Blick wieder mir zu: „Bella du brauchst dir keine Sorgen machen, hör einfach gar nicht auf Rose. Ich weiß was ich tue“

Sogleich schnaubte Rose auf und funkelte ihn an. „Das weißt du nicht. Du hast im Moment doch nichts anderes im Kopf, als diesen Idioten eins auszuwischen. Verdammt Edward, bei Rennen gegen irgendwen von Aros Leuten bist du schon immer ziemlich leichtsinnig. Nur um ihnen zu beweisen, dass du besser bist. Aber wenn du vorher auch noch eine Auseinandersetzung mit James hattest, dann fährst du wie ein Besengter“, regte sie sich auf. „Scheiße Brüderchen, hast du vergessen wo du das letzte Mal danach gelandet bist? Und das Rennen war nicht mal gegen Laurent und Konsorten. Na… erinnerst du dich? Vielleicht solltest du das deiner Freundin erzählen“

Jetzt wurde ich hellhörig, das hörte sich nicht sehr beruhigend an. Ich trat ein paar Schritte zurück und betrachtete ihn misstrauisch. Als Edward das sah, funkelte er seine Schwester an und kniff sich in den Nasenrücken. „Rose das ist jetzt doch wohl total egal“, stöhnte er auf.

„Also so egal finde ich das nicht“, schaltete ich mich ein, „ich würde schon gerne wissen was Rose damit meinte. Wenn ich mir Sorgen machen muss, wäre das eine ziemlich wichtige Information.“ Ich verschränkte die Arme und wartete auf seine Antwort.

Gleichzeitig legte Emmett einen Arm um Rose. „Da hat sie vollkommen Recht Ed“, meinte er. „Aber das lassen wir euch am besten alleine klären und wir machen solange Roses Wagen startklar für ihr Rennen.“ Er ließ Rose erst gar nicht etwas dagegen erwidern, sondern zog sie mit sich und ließ uns damit alleine.

Edward starrte ihnen hinterher, bevor er tief durchatmete. „Du willst es wirklich wissen?“, fragte er und fuhr fort als ich nickte. „Ich habe James kurz vor einem Rennen getroffen, ganz ähnlich wie heute. Wir sind ziemlich aneinander geraten. Im Rennen bin ich dann etwas zu schnell in die letzte Kurve gefahren und das Hinterrad ist ausgebrochen. Rose hat mich danach auf direktem Weg ins Krankenhaus gebracht. Aber mal ehrlich? Sie übertreibt maßlos. Ich hatte mir nur den Ellenbogen gebrochen.“

„Das soll mich jetzt beruhigen?“, fragte ich. Edward verzog das Gesicht und starrte stur geradeaus. Also ging ich wieder zu ihm und legte meine Hände auf seine Arme.

In dem Moment hielt ein weiteres Motorrad neben Edward. Der Fahrer schob das Visier hoch und sah zu uns rüber. Es war ein dunkelhäutiger Mann mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Als er über die Schulter sah, traf sein Blick auf James, der einige Meter hinter ihm stand und das Grinsen hämisch erwiderte. Das musste also Laurent, Edwards Konkurrent, sein. Er nickte James zu, der daraufhin verschwand.

Edward verfolgte das Geschehen grimmig und verspannte sich. „Ich will einfach nur fahren“, meinte er geradezu mechanisch.

Woraufhin ich erwiderte: „Und ich will nicht, dass dir etwas passiert.“ Dabei verstärkte ich den Druck auf seinen Armen und er sah mich endlich wieder an. In seinen Augen sah ich wie entschlossen er war, sein Vorhaben durchzusetzen. „Du hast mir das Versprechen abgenommen nicht leichtsinnig zu sein. Um das gleiche will ich dich jetzt auch bitten.“

Auf Edwards Gesicht bildete sich ein leichtes Lächeln. Er entzog seine Arme meinem festen Griff und nahm mich stattdessen in den Arm. „Bleib bitte bei Emmett“, murmelte er eindringlich, „wenn irgendwas ist, dann wird er dich von hier wegbringen. Er kann es sich nicht leisten Ärger mit der verdammten Polizei zu bekommen. Daher hält er sich auch soweit es geht raus und ist nur hier weil er sich Sorgen um Rose macht. Auf diese Weise bleibt dir der Ärger auch erspart.“

„Hey ihr zwei Turteltauben, können wir dann mal?“, kam es von Laurent. Er hatte sein Visier wieder runter geschoben, dadurch klang seine Stimme gedämpft. Dennoch war sein französischer Akzent nicht zu überhören. Ich hasste ihn jetzt schon, ebenso wie James und vollkommen unbekannterweise Aro. Immerhin sorgten sie dafür, dass Edward sich freiwillig in vollkommen unnötige Gefahr begab. Sicherlich waren all unsere Hobbys nicht ungefährlich, doch dies hier war anders. Es war ein verdammter Pisswettbewerb, der schnell tödlich enden konnte.

Edward hielt mich weiter im Arm während er sich etwas aufrichtete. Er nickte dem Kerl mit Megafon zu, der das Rennen starten sollte und am Rand der Strecke wartete. Dann wandte er sich wieder mir zu und drückte ein paar Sekunden seine Lippen an meine Schläfe. Ohne den Blick von mir abzuwenden, rief er seinem Konkurrenten danach zu: „Nicht so ungeduldig Laurent, du wirst schon noch früh genug meinen Staub schlucken.“

Bevor er sich den Helm aufsetzen konnte, vergrub ich meine Hände in seinen Haaren und gab ihm einen langen Kuss. Dabei drückte er mich an sich und ich zog sanft an seiner Unterlippe. Dann löste ich mich von ihm und flüsterte: „Sei vorsichtig.“

„Ich versprechs“, antwortete Edward ernst und ich glaubte ihm. Danach setzte er seinen Helm auf und machte sich für das Rennen bereit. Trotz allem konnte ich meine Sorgen natürlich nicht vergessen. Doch hatte ich schnell gemerkt, dass er sich nicht von seinem Vorhaben abhalten lassen würde. Wie hatte Rose es so passend bezeichnet? Er war ein sturköpfiger Vollidiot. Allerdings ein verdammt heißer sturköpfiger Vollidiot. Wenn nicht einmal seine Schwester ihn davon abhalten konnte, würde ich es eh nicht schaffen. Also ließ ich ihm seinen Willen und hoffte stattdessen, dass nichts passierte.

Ich trat etwas zurück und hielt Ausschau nach Emmett und Rose. Die beiden waren zurück gekommen und standen wenige Meter entfernt. Während Emmett mir zuzwinkerte und das Victory-Zeichen zeigte, starrte Rose grimmig und mit verschränkten Armen ihren Bruder an. Dieser wartete gespannt auf das Startsignal und da ich ihn in seiner Konzentration nicht stören wollte, ging ich zu den anderen. Roses Reaktion tat ich mit einem Schulterzucken ab, ich konnte sie gut verstehen. Vielleicht hatte sie ja auch insgeheim gehofft, dass ich ihn überzeugen konnte. Mir war allerdings schleierhaft wie ich das hätte schaffen sollen. Also stellte ich mich neben Emmett und fragte ihn nach Edwards Chancen. „Wenn er nicht zu viel riskiert, dann hat Laurent keine Chance gegen ihn“, gab er als Antwort.

Als das Rennen schließlich gestartet war, betrachtete ich die Sache schon etwas zuversichtlicher. Tatsächlich lag Edward in Führung als er aus unserem Blickfeld verschwand. Ich hatte keine Ahnung wo die Strecke lang führte. Alles was ich wusste war, dass die Startlinie zugleich auch die Ziellinie war. Zur Beobachtung des Rennens hatten wir wirklich nicht die besten Plätze, doch für uns zählte ohnehin nur die Zieleinfahrt.

Doch es kam wie es kommen musste. Nur wenige Minuten nach dem Start gab der Starter irgendwelche Zeichen. Daraufhin brach allgemeine Aufbruchsstimmung aus. „Bella komm, wir müssen weg“, rief Emmett mir zu während er sich schon in Bewegung setzte. Mechanisch folgte ich ihm und lief prompt in seinen breiten Rücken. „Sorry B.“ Er war stehen geblieben, da Rose keine Anstalten machte uns zu folgen. „Rose, verdammt jetzt komm“, rief Emmett ihr zu.

„Geh Em, ich such Ed“, erwiderte sie. Als Emmett zu einer Antwort ansetzte, würgte sie ihn ab: „Schatz du muss hier verschwinden, aber ich bleib hier wegen Edward.“

„Pass auf!“, murmelte er zum Abschied und setzte seinen ursprünglichen Weg widerwillig fort. Mit schnellen Schritten ging er zu seinem Auto und ich musste fast schon rennen um nicht zurück zu bleiben.

Kaum saßen wir beide in seinem Wagen, fuhr Emmett auch schon los. Allerdings wollte ich endlich wissen was los war und bombardierte ihn geradezu mit Fragen und ähnelte damit wohl eher Alice als mir selber. Daraufhin lächelte er endlich wieder und zeigte seine Grübchen. Zuvor hatte er mit zusammengepresstem Kiefer auf die Straße gestarrt und hatte dabei tiefe Sorgenfalten im Gesicht. „Eins nach dem Anderen Bella. So viele Fragen auf einmal kann ja kein Mensch beantworten“, erklärte er dann. „Die Polizei hat von dem Rennen erfahren. Zum Glück ist immer jemand da, der den Polizeifunk abhört. So kann schnell genug reagiert werden und alle können verschwinden. Das Problem ist nur die Fahrer zu informieren, die gerade ein Rennen fahren. Sie könnten dann nichtsahnend den Bullen direkt in die Arme laufen.“

„Aber Edward fährt gerade!“, rief ich alarmiert. Immer noch unangeschnallt drehte ich mich zu Emmett, um ihn besser beobachten zu können.

Der versuchte mich allerdings zu beruhigen: „Deswegen ist Rose ja dort geblieben. Sie will versuchen ihn abzufangen, damit er auch abhaut. Ed hatte schon genug Ärger, eine Anzeige wegen Gefährdung des Straßenverkehrs ist das Letzte was er im Moment gebrauchen kann.“

Damit erreichte er jedoch das genaue Gegenteil. Ich vergrub meine Hände im weichen Leder der Sitze, als ich nachhakte: „Was für Ärger?“

Emmett antwortete nicht sofort. Es war ihm aber anzusehen, wie unwillkommen ihm genau diese Frage war. „Ehm… naja halt wegen den Rennen und… äh… mit Aro und… nun ja… noch so ein paar Kleinigkeiten.“ Dabei rutschte er unruhig auf seinem Sitz hin und her und sein Blick huschte immer wieder zu mir.

„Kleinigkeiten?“, wiederholte ich misstrauisch und beugte mich halb über die Mittelkonsole.

Erneut sah er zu mir, doch diesmal rief er: „Verdammt Bella, würdest du dich bitte anschnallen. Wie dir vielleicht aufgefallen sein sollte, fahre ich nicht gerade Schrittgeschwindigkeit und bin mit meinen Gedanken noch dazu ganz woanders.“ Dabei wedelte er mit seiner Pranke vor meinem Gesicht herum.

„Das ist mir sowas von egal gerade“, erwiderte ich abwehrend. „Ich vertraue deinem Fahrtalent voll und ganz.“

„Na zumindest einer von uns“, murmelte Emmett leise. Als ich ihn weiter anstarrte, seufzte er frustriert auf. „Du bist gut, du bist verdammt gut“, grummelte er. „nutzt du dein Talent Leute Überzeugen zu können wenigstens auch beruflich?“ Treffer, versenkt. Doch zum Glück schien er keine Antwort zu erwarten. „Mach dir keinen Kopf. Edward kommt schon klar. Das ist eigentlich alles Geschichte, aus und vorbei.“

Mehr konnte ich als Antwort wohl nicht erwarten. Dass er Probleme hatte mit James und diesem Aro wusste ich ja ohnehin schon. Hinzu kam jetzt zwar noch Ärger mit der Polizei, doch im Grunde hatte ich mir etwas in der Richtung auch schon denken können.

So aufmerksam und zuvorkommend Edward zu mir war, ihm war dennoch anzusehen, dass er kein Unschuldslamm war. Wenn er in Forks auftauchen würde, wäre er meinem Vater – dem Auge des Gesetzes – sofort ein Dorn im Auge. Charlie würde geradezu darauf lauern, Edward bei einer Straftat zu erwischen. Die typischen Vorurteile eines Dorfsherrifs halt.

Als mich Emmett vor dem Apartmentgebäude absetzte, war ich tief in Gedanken versunken. Nicht nur über die eigenwilligen Angewohnheiten meiner Eltern und das spießige Kleinstadtleben in Forks grübelte ich nach, sondern auch darüber wie es wäre Edward dort mit hin zu nehmen. Das Gerede wäre groß und der Skandal perfekt. Zumindest aus Sicht meiner Eltern. Ich war mir allerdings sicher, dass es doch einige ehemalige Mitschülerinnen gab, die ihn durchaus anziehend fänden. Kunststück, er sah ja auch verboten gut aus. Als Schreck einer jeden Schwiegermutter, wurde er für einige von ihnen nur noch interessanter. Wer stand denn nicht auf einen heißen Badboy?

Mir wurde mit einem Schreck bewusst, dass ich allen Ernstes darüber nachdachte Edward als festen Freund meinen Eltern vorzustellen obwohl wir gerademal ein Date gehabt hatten. Welches noch dazu von dem Rennen und dem damit verbundenen Drama unterbrochen worden war. Ich schimpfte mit mir selber darüber, dass ich mir schon eine ernste Beziehung ausmalte obwohl wir noch nicht mal ansatzweise zusammen waren und darüber, dass ich überhaupt über sowas nachdenken konnte, wo die Chance groß war, dass Edward von der Polizei geschnappt worden war und jetzt Probleme bekam.

„Hallo! Erde an Bella… wir sind da“, meinte Emmett und rüttelte leicht an meiner Schulter. Zumindest war es seiner Meinung nach leicht, doch mich schüttelte er damit ziemlich kräftig durch.

Daher kicherte ich: „Em lass das, ich bin doch keiner deiner Cocktails.“ Dann öffnete ich die Tür und stieg aus.

Emmett beugte sich nochmal rüber und entgegnete grinsend: „Nicht? Hast Recht, du siehst auch eher aus wie ein Milchshake. Wie bist du hier nur so weiß geblieben? Schließlich hatten wir gerade Sommer und der war nicht von schlechten Eltern.“

„Bye Emmett“, war alles was ich ihm lachend antwortete und schloss die Tür. Ich sah ihm noch kurz hinterher wie er sich durch den Verkehr schlängelte und ging dann in meine Wohnung. Dort traf mich die Sorge um Edwards Gesundheit wieder mit voller Wucht. Zwischendurch war sie erfolgreich verdrängt worden vom Gerede über Edwards Probleme und nicht zu vergessen meinen irrsinnigen Tagträumereien. Ich hatte kurzzeitig ganz vergessen, dass er sich ja trotz allem in einem Rennen befunden hatte und in diesem womöglich gestürzt war. Die Unterbrechung durch die Polizei, hatte das Rennen ja schließlich nicht beeinflussen können. Es war gut möglich, dass Edward einen Unfall gebaut hatte, bevor er gewarnt werden konnte oder die Polizei ihn stoppte. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich dieses klitzekleine Problem so ganz vergessen hatte.

Sofort holte ich mein Handy hervor und versuchte Edward anzurufen, doch es ging nur die Mailbox dran. „Hey Edward, ich wollte nur mal hören ob alles in Ordnung ist. Bella“, hinterließ ich nervös, als die nervige Bandansage endlich durch den leisen Piepton beendet wurde. Verzweifelt bemühte ich mich dabei meine Stimme nicht ganz so zittrig klingen zu lassen und endete damit, dass ich versuchen musste all meine Emotionen zu unterdrücken.

In der Nacht bekam ich nur wenig Schlaf, um nicht zu sagen so gut wie gar keinen. Angespannt wälzte ich mich ewig in meinem Bett herum, nur um dann immer wieder in einen unruhigen Schlaf einzutauchen, aus dem ich nur wenig später wieder hoch schreckte. Die ersten Male hatte ich dann versucht Edward vielleicht doch zu erreichen. Noch eine Nachricht wollte ich nicht auf seiner Mailbox hinterlassen und daher gab ich nach einem halben Dutzend unbeantworteter Anrufe auf. Meinem dringend benötigten Schlafpensum kam das jedoch auch nicht zugute.

Wie gerädert stand ich am nächsten Morgen schon lange vor dem Wecker klingeln auf. Da half auch eine ausgedehnte Dusche nicht um meine Lebensgeister zu wecken. Bei einem kurzen Blick in meine Küchenschränke fiel mir wieder ein, dass ich seit Tagen einkaufen gehen wollte. Vor allem mein Nikotin- und Koffeinvorrat war in der letzten Zeit beträchtlich gesunken und war kaum noch erwähnenswert. Mir war bewusst, dass ich mehr als eine Dröhnung Koffein brauchen würde, um den Tag zu überstehen. Daher lagerte ich mein Frühstück kurzerhand aus und zwar zu einer Kaffeequelle, die in absehbarer Zeit nicht versiegen würde. Schon gar nicht durch das viele Geld, was sie allein an diesem Morgen mit mir verdienen würde. Schon allein von meinem Kaffeekonsum und dem einiger meiner Angestellten, allen voran Alice, musste sich die Starbucks-Filiale in der Nähe meines Büros eigentlich finanzieren können.

Bevor ich losfuhr hatte ich mir ein schwarzes Kostüm angezogen, meine Haare zu einem schlichten Zopf zusammengebunden und Alice noch schnell eine Nachricht hinterlassen. Auch wenn bei meiner Konzentrationsfähigkeit an diesem Morgen nicht weit hin war und die Autofahrt dadurch nicht gerade ungefährlich war, zog ich vor den Morgen ohne Alice zu verbringen. Sie würde sich schon noch früh genug einmischen.

Genauer gesagt in der Mittagspause, als ich meine Sachen zusammen sammelte, um das Büro zu verlassen. Bis dahin war ich unkonzentriert gewesen und hatte immer wieder auf mein Handy geschielt, nur um festzustellen, dass ich noch immer keine neuen Anrufe oder Nachrichten bekommen hatte. Kurzzeitig flammte Hoffnung in mir auf, als gegen ein Uhr mein Handy klingelte. Doch schnell erkannte ich den Song und wusste, dass Alice mich anrief. Sie wollte sofort alles von meinem Date mit Edward erfahren. Ich vertröstete sie auf den Abend und schob vor in der Mittagspause noch einkaufen zu wollen. Eigentlich konnte von wollen ja gar keine Rede sein, immerhin musste ich einkaufen, wenn ich nicht verhungern oder völlig von Lieferservices abhängig sein wollte. Daher war eine schnelle Runde durch den Supermarkt nicht zu vermeiden und dafür eignete sich die Mittagspause einfach am besten. Ich hegte die leise Hoffnung, dass mich die Abwechslung vielleicht auf andere Gedanken brachte. Allerding war arbeitete ich nach meinem Einkauf genauso unkonzentriert weiter wie zuvor und ließ meine Sekretärin sich um so viele Anrufe der Kunden wie möglich kümmern zu lassen.

Kaum war ich nach der Arbeit in meiner Wohnung angekommen, da klopfte Alice auch schon an meiner Tür. Ich stellte die Einkaufstüten auf dem Küchentisch ab und ließ sie herein. Kaum hatte sie meine Wohnung betreten, schmiss sie sich mir an den Hals und sprudelte los: „Hey Sweety, also schieß los. Wie war dein Abend mit Edward? Was habt ihr gemacht? War es schön? Habt ihr euch geküsst? Wann trefft ihr euch wieder? Ihr trefft euch doch  wieder, oder? Jetzt erzähl endlich.“

Ich wand mich aus ihrer Umarmung und schüttelte kichernd den Kopf. „Eins nach dem anderen“, erklärte ich und ging los um meine Einkäufe zu verstauen. „Komm mit, du kannst mir helfen. Dann kochen wir was Schönes und ich erzähl ich dir alles.“

Eifrig machte sich Alice dran meine Einkäufe in sämtliche Schränke in meiner Küche zu stellen. Schon am nächsten Tag würde ich bereuen, dass sie mir geholfen hatte. Die chaotische Alice sorgte immer unbewusst dafür, dass ich später nichts wieder fand. Doch ich ließ sie machen und versuchte mir so gut wie möglich zu merken wo sie die Dinge platzierte. So fand sich mein Müsli unter der Spüle wieder und das Putzmittel im Apothekerschrank neben dem Kühlschrank. Das komische war, dass Lebensmittel, die ganz offensichtlich zusammen gehörten, dabei auch an unterschiedlichen Stellen landeten. Wie etwa die verschiedenen Pastasorten. So unterschiedlich waren Bandnudeln, Spaghetti, Rigatoni und Fafalle ja nun auch wieder nicht, oder? Scheinbar schon, denn nichts befand sich nach Alices Einräumen im selben Schrank.

Währenddessen setzte ich Wasser für die Nudeln auf und schmiss Hackfleisch in die Pfanne. Anschließend machten wir uns daran das Gemüse zu waschen und zu schneiden. Es sollte Nudeln mit selbstgemachter Bolognese-Soße geben. Während ich geübt die Zwiebel pellte und zerkleinerte, brach sich Alice fast einen dabei ab die Paprika zu entkernen. „Sag mal, wer von uns beiden ist eigentlich schon verheiratet? Der arme Jasper. Gestraft mit einer Frau, die sogar Nudeln anbrennen lässt“, stichelte ich daraufhin.

Als Antwort fuchtelte Alice wild mit ihrem Messer herum und maulte: „Das war nur ein Mal! Außerdem kocht Jasper immer, er kann das nämlich ausgezeichnet. Bei uns ist halt nicht die altmodische Rollenteilung. Wir führen eine moderne Ehe.“

„Ich sag ja armer Jasper. In eurer modernen Ehe hast du also die Hosen an und Jazz steht mit Schürze hinterm Herd und obendrein unterm Pantoffel?“, fragte ich lachend. Dann musste schnell etwas Sicherheitsabstand zwischen Alice mit dem Messer und mich bringen. Da ich mit der Zwiebel fertig war, kümmerte ich mich wieder um die Nudeln und das Fleisch. Danach wandte ich meine Aufmerksamkeit einer Zucchini und ein paar Tomaten zu.

„So ein Blödsinn, er steht ja sowas von gar nicht unterm Pantoffel“, schimpfte meine Freundin unterdessen und machte sich endlich daran, die Paprika klein zu schneiden.

Ich war erstaunt darüber, wie lange sie schon damit wartete wieder nach dem Date zu fragen. Also genoss ich die Schonfrist und stichelte stattdessen: „Bevor du verhungerst sag Bescheid, schließlich ist Jasper ja so gut wie nie da um für dich zu kochen. Woher kann er das eigentlich so gut? Das hab ich mich immer schon gefragt, wenn ich bei euch gegessen habe. Allerdings hatte ich da doch gelegentlich den Verdacht, ihr habt euch das Essen liefern lassen.“

„Bist du denn Wahnsinnig? Das würde Jasper nie tun“, kicherte Alice. Dann legte sie ihr Messer weg und schmiss ihre Paprikastücke in die Schüssel zum restlichen Gemüse. „Du weißt ja, dass seine Familie ziemlich groß ist. Und als eins der ältesten Kinder, musste er schon früh dabei helfen die jüngeren zu versorgen. Sein Vater arbeitet den ganzen Tag in einer Firma und verspielt das Geld abends gleich wieder. Jaspers Mutter hatte daher auch mehrere Jobs um die Familie zu ernähren. Zum Glück hat sie den Kerl vor einigen Jahren in den Wind geschossen. Aber sie ist eine fantastische Köchin und hat das Talent ihren Kindern scheinbar vererbt.“ Dabei rührte sie gedankenverloren in den Nudeln herum. Als ich neben sie trat um das von ihr außer Acht gelassene Hackfleisch zu wenden, sah sie auf. „Meinst du es gibt ein Gen, das die Kochkünste beeinflusst? Jaspers Mom kann es ebenso wie deine Mutter und ihr könnt auch beide kochen. Ich kann es einfach beim besten Willen nicht und meine Mutter kocht auch nie. Naja, außer vor Wut. Allerdings weiß ich bei ihr nicht, ob das vielleicht nur daran liegt, dass sie eine Haushälterin hat.“

„Ein Koch-Gen?“, fragte ich ungläubig und Alice nickte eifrig. „Du kommst auf Ideen Ali. Aber warum eigentlich nicht. Vielleicht hätte einer von uns Genforscher werden sollen, dann könnten wir dem Verdacht jetzt nachgehen.“ Dann fingen wir beide an zu kichern. Als ich mich etwas gefasst hatte schlug ich vor: „Such du doch eine schöne Flasche Wein raus und deck den Tisch. Ich mach das hier solange fertig. Ansonsten wird das nie etwas mit unserem Essen und du kommst nie an deine heiß ersehnten Informationen. Kannst dir ja schon mal eine Frage nach der anderen zu Recht legen, ich werde nicht auf hundert Fragen gleichzeitig antworten.“

Sofort fing Alice an zu strahlen und sauste davon. Als ich etwas später mit dem Essen zu ihr stieß, rutschte sie bereits neugierig auf ihrem Stuhl hin und her. Kaum dass ich die Töpfe abgestellt hatte, lud sie uns Nudeln und Soße auf die Teller. Und noch bevor ich saß, fragte sie auch schon was Edward und ich am Abend zuvor gemacht hatten. Zaghaft begann ich vom Beginn unseres Abends zu erzählen, von der rasanten Spritztour über den Highway, von Liam, dem leckeren Essen und dem Guinness. Ich unterbrach jedoch jäh als ich an der Stelle angelangt war, an der James auf der Bildfläche erschienen war. Um einen Moment nachdenken zu können, stopfte ich mir möglichst viele Nudeln auf einmal in den Mund. Das war allerdings keine sonderlich gute Idee, da sie doch noch sehr heiß waren. Mit Tränen in den Augen schluckte ich sie runter und stürzte sogleich die Hälfte meines Weines hinterher.

„Alles in Ordnung?“, kam kichernd von Alice und gleichzeitig füllte sie mein Glas wieder auf.

Ich nickte nur und meinte dann schlicht: „Tja und dann nahm der Abend eine ganz unerwartete Wendung.“

Für Alice‘ Geschmack machte ich wohl eine zu lange Pause, denn sofort hakte sie nach: „Jetzt spann mich doch nicht so auf die Folter Bells.“

„Nicht?“ Und nach einem plötzlichen Stimmungswandel gab ich ihr eine nicht ganz ernst gemeinte Zusammenfassung: „Na gut dann kurz und schmerzlos. Noch am Tisch hatte Edward Streit und ist danach raus gerannt. Ich bin hinterher und alles lief blendend, dann rief seine Süße an und wir sind zu einem illegalen Autorennen. Während er fuhr, hat sich die Polizei angekündigt und ich bin mit Emmett abgehauen. Punkt.“ Dann grinste ich meine Freundin hämisch an und wandte meine Aufmerksamkeit vorerst wieder meinem Essen zu.

„Mit ein paar mehr Worten darfst du es mir schon erzählen“, entgegnete Alice beleidigt. „Ich meine ja nur, dass du nicht immer an den spannendsten Stellen stoppen sollst.“

„Jaja ich weiß, aber du musst mir auch zwischendurch mal ein paar Sekunden zum Nachdenken eingestehen“, versuchte ich sie zu besänftigen. Ich trank einen weiteren Schluck Wein und lächelte zu ihr rüber. Dabei sah ich, wie sich ihre Gesichtszüge ebenfalls wieder entspannten.

Sekunden später sah sie schon wieder strahlend zu mir rüber. Dann redete sie mal wieder wie ein Wasserfall. „Also, mit wem hatte Edward Streit. Doch nicht etwa mit dir? Was soll das heißen, alles lief blendend? Du warst also wirklich bei einem dieser genialen Straßenrennen? Noch dazu bei einem, wo die Bullen aufgetaucht sind? Boah, darf ich das Thanksgiving bitte Charlie erzählen? Es würde mir die Zeit in Forks versüßen. Aber wo genau kam Emmett plötzlich her und was noch viel wichtiger ist, EDWARDS SÜSSE?“ Die letzten Worte waren eher Laute des Entsetzens als sonst irgendwas.

„Hab ich dir nicht eben noch gesagt, dass ich keine zigtausend Fragen auf einmal beantworte?“, zog ich sie scherzhaft aus. Dafür erntete ich eine rausgestreckte Zunge und eine Servierten-Attacke. „Edward hatte mit so einem Wiederling namens James Streit. Die kennen sich irgendwie von Früher und haben wohl ziemlichen Stress. James hat auch irgendwas mit diesen Rennen zu tun, Edwards Konkurrent gestern gehört zu ihm. Jedenfalls ist Edward nach diesem Streit raus gelaufen und ich kurz darauf hinterher. Er war ziemlich aufgebracht und besorgt, also hab ich versucht ihn zu beruhigen. Das ist mir dann auch schließlich gelungen indem ich ihn geküsst habe.“

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, wurde ich an der Stelle erneut von Alice unterbrochen. „Ihr habt euch geküsst? Das ist ja klasse, wie war es. Oh du musst mir alles erzählen.“ Sie benahm sich wie ein Teenager, dessen beste Freundin gerade den ersten Kuss ihres Lebens bekommen hatte, während sie selbst noch ungeküsst war. Aber als ich errötete und bis über beide Ohren anfing zu strahlen merkte ich, dass ich mich selber wie ein frisch verliebter Teenager fühlte. Somit war ich also keinen Deut besser als sie. Als Alice das sah, grinste sie breit und winkte ab: „Schon gut, ich sehe schon. Erzähl lieber weiter.“

„Dann wurde er von Rose angerufen und hat sie halt Süße genannt…“

„Rose wie Rosalie? Edwards Schwester Rose? Emmetts Freundin? Die Rose?“, warf die vor mir sitzende Neugierde in Person ein.

„Ja genau die“, bestätigte ich. Daraufhin sah Alice beruhigt aus und schob sich einige Nudeln mit noch mehr Soße in den Mund. Ich fuhr unterdessen fort: „Sie hat ihm von dem bevorstehenden Rennen erzählt. Rose fährt da nämlich ziemlich oft mit, musst du wissen. Edward fährt nur mit seinem Motorrad Rennen, sein Volvo ist nicht geeignet und sein anderes Auto ist ihm zu schade dafür. Dabei fällt mir ein, ich würde ja zu gerne wissen was das für eins ist. Naja kurz nach dem Start sind wir anderen gewarnt worden, dass die Bullen im Anmarsch sind. Daraufhin hat Emmett mich schnell nach Hause gebracht.“ Kurz dachte ich über meine nächsten Worte nach und fügte dann niedergeschlagen hinzu: „Seitdem habe ich nichts mehr von Edward gehört. Ich habe ihm noch in der Nacht auf die Mailbox gesprochen, doch er hat nicht zurück gerufen.“

„Und jetzt befürchtest du, dass die Polizei ihn vielleicht geschnappt hat“, meinte Alice. Obwohl es eine Frage sein sollte, klang es mehr wie eine Feststellung.

„Nun ja, nein. Vielleicht, aber eigentlich nicht“, entgegnete ich kopfschüttelnd. Traurig sah ich auf meinen Teller und spielte dabei mit der Papierservierte, die Alice mir kurz zuvor an den Kopf geschmissen hatte. „Es ist vielmehr so, dass ich tierische Angst habe ihm könnte etwas zugestoßen sein.“

Als Alice nachfragte wieso ich das dachte, gab ich mit wenigen Worten wieder, was ich von Rose erfahren hatte. „Du musst es ihm erzählen!“, hörte ich sie daraufhin nur sagen.

Etwas verwirrt schaute ich auf und bemerkte wie sie mich ernst musterte. „Was genau?“

„Na das du Isabella Swan bist und nicht einfach nur Bella.“

Entschlossen wand ich meinen Blick von ihr ab und entgegnete trotzig: „Warum? Schließlich habe ich das noch nie einem Kerl erzählt.“ Dabei zerfledderte ich nach und nach die arme Servierte.

„Du fragst nicht im Ernst warum, oder?“, entgegnete Alice spitz. „Vielleicht weil du dir auch noch nie solche Sorgen um einen davon gemacht hast!“

Patzig gab ich zurück: „Das ist was ganz anderes. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihm etwas passiert ist auch so verdammt hoch. Da würde sich jeder Sorgen machen.“

Ich konnte geradezu spüren, wie Alice versuchte mich mit ihrem Blick zu durchbohren. „Nein, das ist absolut nichts Anderes“, meinte sie ruhig. Gefährlich ruhig um genau zu sein, für mich konnte das nichts Gutes bedeuten. Dann folgte einer ihrer Monologe, die mich zur Vernunft bringen sollten. „Denk mal ein paar Jahre zurück, genauer an unsere High School Zeit. Erinnerst du dich noch an die eine Sache mit Jake? Da hast du dir keine Sorgen gemacht, als er nicht zu eurem Date erschienen ist und dich auch nicht zurückgerufen hat. Obwohl du wusstest, dass er nachmittags zum Klippenspringen wollte. Wobei er sich schon mehrmals verletzt hatte, wie auch an dem Tag. Sogar so sehr, dass er kurz ins Krankenhaus musste. Und jetzt sag du mir noch mal, dass es etwas vollkommen anderes ist.“

Darauf konnte ich nichts erwidern, schließlich hatte sie absolut Recht. Ich wusste ja selber, dass mir Edward inzwischen schon verflucht viel bedeutete. Himmel ja, schließlich jagte mir genau das schon eine Heidenangst ein. Doch ihm wirklich alles zu erzählen, war immer noch wieder etwas anderes. Im Grunde war mir klar, dass ich es ihm wirklich dringend sagen musste. Ich hatte es ja auch schon vorgehabt. Aber immer wenn es dazu kam, hatte ich Angst davor es wirklich auszusprechen. Das hielt mich letzten Endes auch davon ab, es aus ganzem Herzen und mit voller Überzeugung zu versuchen. Denn ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich mich davor fürchtete jemanden vollkommen in mein Leben zu lassen. Es machte einen so verletzbar. Eigentlich wollte ich doch vor nichts Angst haben und dennoch merkte ich nun, dass ich in Wirklichkeit schon mein Leben lang ein verdammter Feigling war. So kam eins zum anderen und machte die Situation für mich damit nicht unbedingt leichter. Im Gegenteil, von Tag zu Tag verkomplizierte es alles nur noch mehr. Verfluchter Teufelskreis.

Zum Glück entschied sich Alice dazu, mich vorerst nicht zu drängen. Stattdessen beschäftigte sie sich leise mit ihren Nudeln, während meine langsam aber sicher kalt und ungenießbar wurden. Es gab aber wohl nichts, was mich im Moment weniger störte. Dafür schwirrten mir viel zu viele wirre Gedanken durch den Kopf. So saßen wir auch nachdem sie fertig war, eine Weile schweigend da. Inzwischen war ich dabei angekommen mich innerlich darüber aufzuregen, dass Edward sich einfach nicht meldete. Das verdrängte kurzzeitig sogar meine Sorge um ihn und meiner Gefühle.

Dann klingelte Alices Handy und riss mich somit aus meinen deprimierenden Gedanken. Sie gab mir zu verstehen, dass es Jasper war. Daraufhin rief ich etwas lauter „Hey Jazz“ und stand auf. Ich wollte die beiden in Ruhe telefonieren lassen und beschloss in der Zwischenzeit den Tisch abzuräumen.

Etwas später kam Alice ebenfalls in die Küche. „Ich soll dich schön grüßen“, sagte sie sanft und trat zu mir. „Außerdem sollst du den Kopf nicht hängen lassen und heute Abend mit mir ausgehen.“ Leise grummelnd fuhr ich damit fort das Geschirr abzuwaschen. „Also? Bist du heute am Start?“, bohrte Alice erbarmungslos.



Freitag, 12. November 2010

Kapitel 3

Am Sonntagmorgen traf ich Alice um fünf Uhr an meinem Auto um mit ihr zum Brown Shooting zu fahren. Es war viel zu früh, vor allem dafür dass eigentlich Wochenende war. Erst nach einer halben Kanne Kaffee und einer extra Dosis Nikotin war ich in der Lage gewesen den Tag zu beginnen. Außerdem hatte ich, entgegen allen guten Vorsätzen, den ganzen Samstag damit verbracht aufzuholen, was an meinem freien Donnerstag liegen geblieben war.

Kaum saßen wir nun im Auto und berichtete Alice mir, dass wir am Abend im Emmetts Pub gehen würden. Ich kam gar nicht dazu irgendetwas dagegen einzuwenden, denn meine Gedanken schweiften sofort ab. Dabei fiel mir auf, welch ungeahnten Möglichkeiten mir der Abend eröffnen könnte. Immerhin konnte ich die Bar so auch als neutraler Kunde erleben. Sicherlich, so wirklich neutral war ich wohl nicht, schließlich würde ich mich dort mit dem Besitzer und seinen Freunden treffen. Doch es war immer noch etwas anderes, als dort beruflich den Service zu testen.

„Erde an Bella! Fährst du auch noch irgendwann los?“, hörte ich Alice irgendwann rufen. Zugleich schnipste sie direkt vor meiner Nase ungeduldig mit den Fingern. Dadurch wurde ich überraschend aus meinen Gedanken gerissen, in die ich tiefer versunken war als ich gedacht hatte. Etwas durcheinander startete ich meinen Wagen und lenkte ihn sicher aus der Parkgarage. Als ich auf die Straße bog bohrte meine von Natur aus ungeduldige Freundin nach: „Was ist denn los mit dir? Wo bist du mit deinen Gedanken? Etwa bei einem gewissen Edward Masen?!“

„Ich glaube du interpretierst da schon wieder zu viel hinein, Süße“, bremste ich sie. „Mir ist nur eingefallen, dass ich Emmetts Bar heute aus einer ganz anderen Perspektive kennen lernen kann. Das könnte mir die Arbeit erleichtern…“

Noch während ich redete, seufzte Alice: „Kannst du eigentlich auch noch an etwas anderes denken? Wir gehen heute Abend mit ein paar Freunden feiern und nicht zu einem Feldversuch. Du wirst die Arbeit vollkommen hinter dir lassen, verstanden? Außerdem wird Edward da sein, verdammt nochmal, da hast du besseres zu tun, als an die Arbeit zu denken.“

Ich kicherte nur als ich das hörte. „Schon gut. Nur ist das nicht so einfach. Die Verbindung zwischen meinem privaten und meinem geschäftlichen Leben besteht halt. Daran lässt sich nichts mehr rütteln.“

„Dann sag es ihnen.“ Das war Alices ganz einfache Lösung. Wenn sie nur wirklich so einfach wäre.

„Nein.“, platzte mir heraus. „Du weißt wie ich darüber denke.“ Dabei warf ich ihr einen kurzen Blick zu und musste mich regelrecht dazu zwingen wieder auf den durchaus chaotischen Verkehr zu achten.

Zum Glück vertraute Alice meinen Fahrkünsten, denn obwohl ich den Blick immer wieder von der Straße abwandte, blieb sie gelassen. „Ja, aber du hast gerade selber gesagt, dass die Verbindung besteht. Auf lange Sicht gesehen wird dir nichts anderes übrig bleiben.“

Ich fragte mich wirklich, warum sie mich nicht verstehen wollte. Schließlich hatten wir schon so oft darüber geredet. Langsam, aber sicher gab ich die Hoffnung auf, dass sie jemals Ruhe geben würde. Dennoch wollte ich nicht so schnell meine Deckung aufgeben: „Ich kann nicht.“

„So so, du kannst also nicht? Welche hochtrabenden Gründe sind es denn diesmal? Ich hoffe du lässt dir was Neues einfallen, deine anderen kenne ich schon zu Genüge. Das sind keine Gründe sondern fadenscheinige Ausreden.“, empörte sie sich daraufhin und entwickelte sich langsam, aber sicher wieder zur nervigen Variante meiner besten Freundin.

Den ganzen Weg schaffte ich es sie weitgehend zu ignorieren und dadurch herrschte minutenlang eine geradezu eisige und vor allem völlig ungewohnte Stille zwischen uns. Doch wie so oft hatte sie mit ihrer geradezu penetranten Art durchaus Erfolg. Denn nach und nach begann mein Widerstand zu bröckeln. Als wir schließlich unser Ziel erreicht hatten und ich den Wagen in eine enge Parklücke lenkte, murmelte ich nahezu verzweifelt: „Ich will nicht.“

„Aha“, kam spitz von Alice. „Hab ich es mir doch gedacht.“ Selbstzufrieden sprang sie aus dem Auto, ich folgt ihr mit weit weniger Elan. Auf unserem kurzen Fußmarsch redete sie weiter auf mich ein, doch es gelang mir ihre Stimme völlig auszublenden. Ich war ziemlich stolz auf mich. Aber auch ohne sie wirklich zu hören, dachte ich über ihre Worte nach. Auch noch, als sie gezwungenermaßen aufhören musste mir eine Predigt zu halten. Denn das war während des Shootings ja zum Glück nicht möglich, da musste sie sich auf die Arbeit konzentrieren. Ich ertappte mich jedoch immer wieder dabei, wie gedankenverloren am Rande des Geschehens saß und nur körperlich anwesend war. Wenn mich jemand vom Team angesprochen hätte, wäre es für mich wohl ziemlich peinlich geworden. Diejenige, die verantwortlich war für das gesamte Projekt, saß schön brav auf ihrem Stuhl und machte den Anschein, als ob sie alles im Griff hätte. Aber in Wirklichkeit hätte sie wohl nicht mal sagen können, ob schon Mittagspause war. Nicht auszudenken.

Allerdings war mir klar geworden, dass die Situation mit Emmett, Edward und Rose auf Dauer einfach nicht gut gehen konnte. Was jedoch blieb, war die Angst davor es ihnen zu sagen. Wie würden sie reagieren? Wie würde Emmett dann über unsere geschäftliche Zusammenarbeit denken? Was würde Edward dann von mir denken? Es war zum aus der Haut fahren, ich war hin- und hergerissen. In meinem Kopf herrschte ein absolutes Chaos und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Es war zum Verzweifeln, ich konnte ja nicht mal einschätzen ob ich mich in die Sache nur rein steigerte oder ob meine Befürchtungen berechtigt waren. Ich musste mir vielleicht wirklich einmal darüber klar werden, was ich eigentlich wollte und, wenn es nach Alice ginge, wohl auch was ich von Edward wollte. Wieso konnte sie mich denn nur besser durchschauen als ich mich selbst? Das war die Frage des Tages.

Eine Antwort darauf hatte ich allerding immer noch nicht, als ich um sieben in Unterwäsche und mit Lockenwicklern im Haar vor meinem Kleiderschrank stand. Ich suchte nach einem Outfit für den Abend. Frustriert schmiss ich ein Shirt quer durch den Raum, von dem ich kurz zuvor noch gedacht hatte, dass es die perfekte Lösung war. Nun sah ich das aber schon wieder ganz anders. Eigentlich war ich doch immer mehr als zufrieden gewesen mit dem Inhalt meines Kleiderschrankes. Warum stellte mich die Auswahl diesmal nur vor ein so unlösbares Problem? Mal abgesehen von den Geschäftsoutfits, war ich immer ganz gut ohne den Rat von Alice ausgekommen. Doch heute gefiel mir einfach nichts mehr. Wo war meine persönliche Stylingberaterin nur, wenn man sie brauchte? Wie der Zufall es so wollte klingelte es genau in dem Moment an meiner Wohnungstür und während ich hineilte, hörte ich Alice rufen: „Wie weit bist du?“ Es war als hätte sie meinen lautlosen Hilferuf gehört.

Also beschleunigte ich meine Schritte, was dafür sorgte, dass ich die letzten zwei Meter mit dem Teppich in Richtung Tür rutschte. Etwas unsanft knallte ich dagegen und taumelte leise fluchend ein paar Schritte zurück. „Verfluchtes Mistding, du kommst auf den Müll.“ Warum hab ich diesen komischen, hässlichen, rutschigen kleinen Teppich nur in meinem Flur liegen? Ach ja, weil meine Mutter mir den zum Geburtstag geschickt hat. Dann riss ich stürmisch die Tür auf und begrüßte meine Rettung. „Oh Alice, du kommst wie gerufen.“

Sie betrachtete mich schmunzelnd von oben bis unten. „Na das sehe ich.“ Etwas verwirrt sah ich sie an, doch sie schob mich nur beiseite, um den Flur zu betreten. Sobald sie das getan hatte drückte sie die Tür hinter sich ins Schloss. Erst da fiel mir wieder ein, dass ich nur Unterwäsche trug und wurde rot. Das war ja wieder typisch für mich, dass ich sowas vergaß und mich halbnackt der Öffentlichkeit präsentierte. Darüber, so vor Alice zu stehen, machte ich mir keine Gedanken. Das war ich gewohnt, immerhin kannte ich sie schon eine halbe Ewigkeit und seitdem mischte sie sich auch immer wieder in meine Garderobe ein. Allerdings war es nicht auszudenken, wenn in dem Moment jemand anderes an meiner Wohnungstür vorbeigekommen wäre. Alice machte sich bereits auf den Weg zu meinem Zimmer. „Bella! Kommst du?“, rief sie über die Schulter zurück. Ich raffte mich auf und ging zu ihr, allerdings nicht, ohne dem unglücksseligen Teppich noch einen strafenden Blick zu zuwerfen.

Als ich bei Alice ankam, herrschte dort bereits das reinste Chaos. Hatte ich das zuvor trotz aller Frustration noch zu verhindern gewusst, so war sie daran mehr als kläglich gescheitert. Nach nur wenigen Minuten sah es hier bereits so aus, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Und das alles nur, weil sie meinen Schrank durchsuchte. Obwohl sie ja wissen müsste was sich dort drin befand, schließlich war sie es die mich durch die Läden schleifte. Währenddessen fragte sie: „Was war das eigentlich eben für ein dumpfer Knall kurz bevor du die Tür aufgerissen hast?“

„Ach dieser scheiß Teppich, den mir meine Mutter zum Geburtstag geschenkt hat. Ich wollte schnell zur Tür und der ist weggerutscht. Dadurch bin ich über das Parkett gerutscht, wie über eine Plane mit Schmierseife“, erklärte ich ihr und ließ mich auf mein Bett fallen. Aus Erfahrung wusste ich, dass es am besten war Alice einfach machen zu lassen und das Resultat abzuwarten. Nein sagen konnte ich dann immer noch.

„Ich verstehe gar nicht, warum du das Ding überhaupt da liegen hast. Das passt erstens gar nicht zu deiner restlichen Einrichtung und deinem Stil und zweitens ist das Teil potthässlich. Nichts für Ungut, aber deine Mutter kennt dich nicht. Ansonsten hätte sie nicht gedacht, dass er dir gefallen könnte.“ Gleichzeitig hielt sie mir einen engen schwarzen Rock und ein rosafarbenes Seidentop entgegen. Ich schüttelte entschlossen den Kopf. „Wie kommt es eigentlich, dass ich dir helfen darf? Und das ganz ohne Überzeugungsarbeit? Sonst weigerst du dich immer und lässt mich dir nur bei deinen Outfits für die Arbeit helfen“, fragte sie neugierig und wandte sich wieder dem Schrank zu.

Während sie mir weitere Teile unter die Nase hielt, die ich alle nicht passend fand für diesen Abend, versuchte ich zu erklären, was ich selbst nicht verstand: „Ich weiß es nicht, aber irgendwie gefällt mir heute nichts. Außerdem lass ich dich sonst nicht helfen, weil mir deine eleganten Klamotten im Alltag zu unbequem und sind. Ich bin eher der sportliche Typ.“ Dabei konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen, welches Alice auch erwiderte.

„Ja, ich weiß. Nur erklärt das noch nicht wieso es für dich heute so eine große Herausforderung ist.“ Als ich nicht weiter darauf einging, fügte sie hinzu: „Aber ich hab da so eine Idee. Könnte es vielleicht an Edward liegen? Immerhin gefällt er dir und sicher willst du dich von deiner besten Seite zeigen.“

Ich zog die Beine an, sodass ich im Schneidersitz vor ihr saß. Sie hatte aufgehört meine Kleidung zu durchwühlen und sah mich durchdringend an. „Ach quatsch, das ist doch Unsinn. Ich bin heute einfach nicht so entscheidungsfreudig.“

„Du kannst mir viel erzählen“, entgegnete Alice entschlossen. „Bella es ist ganz einfach, entweder ich hab Recht, oder du gibst nach.“ Pah. Ich stöhnte auf, doch natürlich würde sie Recht behalten und ich würde nachgeben. Das schaffte sie fast immer.

Allerdings hatte sie schon wieder anderes im Sinn und es sah so aus, als ob sie etwas Bestimmtes suchen würde. Diese Vermutung wurde kurz darauf bestätigt als sie sich neben mir auf das Bett schmiss. „Scheiße, wo ist dein schwarzes T-Shirt mit dem Ausschnitt auf dem Rücken und den grellen Mustern vorne?“, stieß sie frustriert heraus.

„Ist das dein ernst?“, fragte ich kichernd. Allerdings blieb es nicht dabei, denn schon wenig später lag ich laut lachend auf dem Bett. Daraufhin sah Alice mich nur ratlos an und nickte langsam, als ich meinte: „Bist du dir sicher?“ Das sorgte nicht dafür, dass ich mich beruhigte. Denn das von Alice gesuchte Oberteil, lag unter dem Klamottenhaufen, den sie gerade produziert hatte. Es war das Shirt, das ich während meiner eigenen Suche quer durch den Raum gepfeffert hatte.

„Ja doch“, entgegnete Alice sichtlich verwirrt durch meine Reaktion. „Ist das so abwegig? Das Shirt und dazu dein kurzer Jeansrock, das steht dir super. Außerdem sieht man darin deine Tätowierung auf dem Rücken.“

Endlich konnte ich aufhören zu lachen und drehte mich so, dass ich Alice sehen konnte. Immer noch schmunzelnd klärte ich sie auf: „Das habe ich kurz bevor du kamst ans andere Ende des Zimmers geworfen. Es dürfte jetzt unter deinem Chaos vergraben sein.“ Sofort sprang sie auf und kramte das gesuchte Shirt hervor. Dann brauchte sie mich nicht lange überzeugen, denn schon zog ich das von ihr vorgeschlagene Outfit zusammen mit schlichten Pumps an. Schnell entfernte ich noch die Lockenwickler und meine Löwenmähne war fertig. Nach einem schnellen Styling fuhren wir mit einem Taxi zu Emmetts Pub.

Vor der Eingangstür hielt Alice mich noch kurz zurück und meinte: „Also es besteht zwar die Gefahr, dass ich mich heute Abend wie das fünfte Rad am Wagen fühle, aber mach dir darüber mal keine Sorgen, Bells. Immer ran an den Speck.“

Daraufhin sah ich sie belustigt an. „Hältst du mich für eine Maus? Mit Speck fängt man Mäuse, aber mehr auch nicht. Allie, ich werde dich schon nicht alleine lassen.“

„Solltest du aber“, grummelte sie schmollend. „Gib dir einen Ruck und gesteh dir endlich selber ein, dass du Edward klasse findest. Also nutz die Chance, ansonsten bereust du es vielleicht noch.“ Sie war einfach unverbesserlich, ständig versuchte sie mich an den Mann zu bringen. Und Edward schien es ihr dabei besonders angetan zu haben. Ich beschloss gar nicht zu reagieren und zog sie hinter mir her in die Bar. Drinnen blieb ich kurz stehen, um einen Überblick zu bekommen. Unter den wenigen Gästen fielen Edward und Rose sofort auf. Sie saßen in einer gemütlichen Nische am Fenster. Die Geschwister sahen wie immer umwerfend aus, sodass man vor Neid geradezu erblasste. Jetzt war es Alice, die mich hinter sich herzog, während sie zielsicher auf die Sitzecke zusteuerte. Dort angekommen begrüßte sie die anderen mit einem breiten Grinsen. Während wir uns beide auf zwei kleine Sessel fallen ließen warf ich ebenfalls eine Begrüßung in die Runde.

Von Rose wurde Alice überschwänglich begrüßt und für mich hatte sie zumindest noch ein zurückhaltendes „Hallo Bella.“ übrig. Edward hingegen begrüßte uns beide mit einem warmen Lächeln, welches auf mich ziemlich ansteckend wirkte. Nur musste ich aufpassen, dass mein Lächeln nicht eher dümmlich wirkte. Denn dazu schien ich in seiner Gegenwart heute zu neigen, zumindest hatte ich das Gefühl. Kaum dass wir saßen, kam Emmett auch schon an unseren Tisch. „Hallo Ladies, was wollt ihr trinken? Ich setz mich dann gleich zu euch.“

Alice wählte einen Martini und ich einen Dalmore Grand Reserva. Bei meiner Wahl huschten Roses Augen fragend zu mir. Mist. Ich musste besser aufpassen. Woher sollte ich denn wissen, dass Emmett genau den Scotch Whiskey anbot, obwohl ich nicht in die Karte gesehen hatte. Zumindest nicht an diesem Abend.

Emmett war bereits auf dem Weg zur Theke, als Edward ihm noch hinterherrief. „Für mich noch eine Coke Em, danke.“

„Du sollst Emmett nicht immer ärgern, Ed“, schimpfte seine Schwester mit ihm.

Allerdings schien es ihn nicht zu stören, er lehnte sich entspannt zurück und ließ seinen Blick im Raum umher schweifen. Dabei antwortete er ihr ruhig: „Ich weiß gar nicht was du hast. Ich hab doch nur was zu trinken bestellt.“ Daraufhin grummelte Rose etwas Unverständliches und sein Blick blieb an mir hängen. Obwohl er scheinbar zum Scherzen aufgelegt war, sah er doch irgendwie traurig aus. Doch das hatte offensichtlich keine Auswirkungen auf seine gute Laune. Ich fragte mich allerdings, was der Grund für diese tiefsitzende Traurigkeit war. Es musste etwas sein, das ihn immer begleitete. Ansonsten könnte er nicht gleichzeitig mit seinen Freunden herumalbern. Ich konnte es selbst kaum glauben, dass ich trotz all meiner Gedanken seine darauffolgenden Worte verstand: „Also Bella, Alice… was habt ihr in der letzten Zeit so getrieben?“

Aus Alice sprudelte es sofort heraus: „Viel haben wir nicht angestellt. Ich hab hauptsächlich Jasper vermisst und ansonsten haben wir uns beide ziemlich in die Arbeit gestürzt, nicht wahr Bells?“ Ich nickte und vermied es weiterhin Edwards Blick zu begegnen. Mir war klar was sie vorhatte. Ich sollte ihnen erzählen, dass ich Isabella Swan war. Doch so einfach war das nicht und außerdem war Emmett ja auch noch nicht wieder da. Wenn ich es erzählte, dann allen. Von daher würde ich also zumindest noch warten, bis er bei uns war. Wenn ich ehrlich war, war es jedoch wahrscheinlicher, dass es eher noch länger dauern würde.

„Ja nichts Besonderes. Arbeit und Alice hätte mich bei einem ihrer Shoppingmarathons fast umgebracht. Aber das ist ja normal“, meinte ich lachend. Sofort stimmte Edward in mein Lachen mit ein und ich musste gestehen, es klang wie Musik in meinen Ohren.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Wieder wünschte ich mir meine Hand ebenfalls darin versenken zu können. Oder auch beide, vorzugsweise in Verbindung mit einem leidenschaftlichen Kuss. „Noch eine Shopping-Süchtige? Klasse, dann müssen Emmett und ich ja nicht mehr als Opfer herhalten. Das nächste Mal schicken wir einfach Rose und Alice zusammen los und wir sind fein raus. So einfach ist das“, grinste er. Damit lenkte er meine Aufmerksamkeit weg von seinen Haaren, hin zu einem Bereich in seinem Gesicht, der ebenfalls eine große Rolle in meinem Wunschtraum spielte. Ahh Hilfe, ich bin verloren.

„So einfach ist das gar nicht“, schaltete sich Rose ein. „Wer trägt denn bitteschön unsere Tüten, wenn Alice und ich gemeinsam unterwegs sind?“ Triumphierend lächelte sie zu Edward rüber.

Er ließ sich seine Idee jedoch nicht schlecht machen. „Wie wäre es mit der Möglichkeit weniger zu kaufen? Schont die Knochen und den Geldbeutel. Ansonsten sind fürs Tüten tragen ja die Lebensgefährten zuständig. Also bin ich immer noch fein raus und Bella auch. Wir gehen stattdessen zusammen einkaufen und tragen unsere wenigen Tüten gegenseitig.“ Dabei zwinkerte er mir zu und ich war ja so froh schon zu sitzen.

„Schöner Plan Edward“, lachte Alice, „er geht nur nicht auf. Denn mein Mann ist so gut wie nie da.“

„Hat er es gut“, seufzte Edward. In seinen Augen blitzte etwas auf und es bildete sich ein schelmisches Lächeln auf seinen Lippen. Diese Lippen. So unauffällig wie Möglich schüttelte ich kurz den Kopf um weitere Gedanken in die Richtung zu verscheuchen.

„Von wegen“, rief Alice gut gelaunt und streckte ihm die Zunge raus, was Edward mit der gleichen Geste erwiderte. Während er mit Alice rumalberte, sah er regelrecht gelöst aus. Er lachte und strahlte. Und brachte mein Herz damit zum rasen. Schließlich gab er sich geschlagen. Sehr zu meiner Belustigung, denn einmal war es nicht ich, die unter Alice‘ Dackelblick zusammenbrach.

„Also gut. Weil du es bist und der arme Jasper ja viel zu selten die Gelegenheit hat es zu tun, trage ich Bellas und deine Tüten. Aber für dich Rose, muss immer noch Emmett herhalten, oder selber tragen Schwesterlein. Ganz wie du willst.“

„Was will Rose“, fragte Emmet, der gerade mit unseren Getränken wieder gekommen war.

Edward nahm seine Cola entgegen und schmunzelte: „Na dich.“

Daraufhin war von Rose ein langgezogenes „Edward“ zu hören und Emmett lachte lautstark. „Wo du recht hast, hast du recht“, dröhnte er. Anschließend verteilte er die restlichen Gläser und setzte sich zu uns. Er legte seinen Arm um Rose und grinste sie frech an. Sie funkelte ihn eine Weile mit verschränkten Armen an. Dann verirrte sich ein glückliches Lächeln auf ihre roten Lippen. Emmett nahm dies mit einem Kuss zur Kenntnis.

„Ähem“, räusperte sich Edward grinsend. „Danke, aber nein danke. Den Anblick, wie du meine Schwester fast verschlingst brauch ich grade wirklich nicht Em. Lasst uns lieber mal überlegen, was wir machen.“ Er sah abwartend in die Runde. Mir war in dem Moment vollkommen egal wo wir hingehen würden. Die Hauptsache war, dass er da war. Hilfe, was war denn los mit mir. Als sich so schnell keine zu Wort meldete blickte er fragend zu Emmett und erkundigte sich: „Du hast doch gesagt, dein Personal schmeißt den Laden heute Abend, oder?“ Emmett nickte und blickte prüfend zur Theke. „Alles klar. Also Leute, Vorschläge.“

„Wie wäre es mit dem Rockability?“, schlug Alice daraufhin vor. Das Rockability, war ein kleiner Club, nicht allzu weit weg von unserem Apartmenthaus. Wir waren dort schon öfter und die Musik war immer gut. Schnell waren alle mit dem Vorschlag einverstanden und wenig später machten wir uns auf den Weg. Da Edward nichts getrunken hatte, fuhr er uns mit seinem in die Jahre gekommenen Volvo Geländewagen. Nicht wirklich was ich von ihm erwartet hätte. Immerhin arbeitete er in einer Tuning-Werkstatt. Doch schien Edward viel an dem Wagen zu liegen. Geradezu liebevoll umfasste er das Leder des Lenkrades während der Fahrt.

Als wir vor dem Rockability darauf warteten eingelassen zu werden, trat Edward dicht hinter mich und flüsterte: „Schickes Tattoo.“ Sein Atem berührte leicht meine Haut und löste eine angenehme Gänsehaut bei mir aus. Das war wohl genau die Reaktion, die Alice mit der Auswahl des Oberteils hatte erreichen wollen. Und ich im Grunde auch, als ich es mir vor einiger Zeit gekauft hatte. Ich hielt nichts von tiefen Ausschnitten. Wozu sollte ich den Männern mein kaum vorhandenes Dekolleté präsentieren. Da gewährte ich ihnen doch lieber einen Blick auf die Ranken, die die linke Seite meines Rückens zierten. Seit vier Jahren wurde die linke Seite meines Rückens von blauen wenigen Ranken geziert, die sich zu großen schlichten Blüten formten. Ich hatte im Vorfeld lange über diese Tätowierung nachgedacht und sie schließlich selber aufgezeichnet. Daher freute ich mich umso mehr darüber, dass es Edward zu gefallen schien.

Sehr zu meinem Bedauern konnte ich die Tätowierung viel zu selten zeigen. Außerdem kam sie auch nur wirklich zur Geltung, wenn ich einen Bikini trug. Daher fiel sie nicht einmal beim Surfen auf, denn dabei zog ich ja immer ein Surf-Shirt über.

Während wir zusammen den Club betraten, drehte ich mich leicht zu ihm um und antwortete lächelnd: „Danke. Das Kompliment kann ich aber nur zurück geben. Was ich bisher von deinen Tätowierungen gesehen habe, ist auch klasse. Nur schade, dass man sie ja gerade nicht sehen kann.“

Das Lächeln, das er mir daraufhin zuwarf, haute mich fast um und nahm mich auf jeden Fall sofort gefangen. Dafür brauchte dieser Mann einen Waffenschein, so viel stand für mich fest.

Wir schlängelten uns durch die Menschenmenge und stießen zu den anderen am Rand der Tanzfläche. Auf die waren Alice und Rose natürlich schon längst verschwunden. Emmett beobachtete seine Freundin mit Argusaugen und schien für nichts anderes aufnahmefähig zu sein. Auf einmal fühlte ich, wie Edward ganz sanft mit einem Finge die Konturen auf meinem Rücken entlangfuhr. „Wann hast du es machen lassen?“, rief Edward mir zu. Er lehnte sich zu mir runter, damit ich eine Chance hatte ihn zu verstehen. Himmel, war das laut. Aber auch kein Wunder, wir Idioten standen fast neben den Boxen.

Ich deutete ihm an mir zu folgen. Dann entfernte ich mich etwas von den Lautsprechern, auch wenn ich damit auf Edwards Berührung verzichten musste. Die Entfernung half zwar nicht viel, doch zumindest mussten wir nicht mehr so laut schreien, als ob wir uns quer über ein Footballfeld unterhalten würden. Und ich konnte ihm wieder ins Gesicht sehen, anstatt mit dem Mund über seinem Ohr zu schweben und drauf und dran zu sein an seinem Ohrläppchen zu knappern.

„Dieses vor etwa vier Jahren, kurz vor meinem Collegeabschluss. Der Sommer danach zuhause war schrecklich, ich wäre am liebsten nur noch im Bikini rumgelaufen. Aber da keiner es sehen sollte musste ich Shirts anbehalten. Und das im wärmsten Juni in Forks seit mehr als 20 Jahren. So wenig Regen gab es im Staat Washington noch nie, wie ausgerechnet in dem Sommer.“

Edward zog für einen Moment die Augenbrauen zusammen und sah mich schiefgelegtem Kopf nachdenklich an. Ich fragte mich, was der Grund dafür war. Immerhin hatte ich doch nichts Besonderes gesagt. Oder? Hatte ich mich etwa schon wieder fast verplappert? Ich war mir sicher, dass ich nichts in der Richtung erwähnt hatte. Er zuckte leicht mit den Schultern und lächelte. Verschwunden war die Verwunderung aus seinem Gesicht. „Also versteckst du mindestens noch ein weiteres Tattoo“, stellte er fest.

Er ahnte vermutlich nicht wie genau es das Wort verstecken traf. Nicht umsonst hatte ich Stellen gewählt, die sich mit normaler Kleidung verdecken ließen. Meine Eltern würden durchdrehen und auch beim Abschließen von Verträgen war eine Tätowierung nicht unbedingt hilfreich. Viel zu viele Menschen hatten immer noch Vorurteile dagegen. Immerhin wurden Leute die ein Tattoo hatten in einigen Branchen gar nicht erst eingestellt, besonders im Managementbereich.

Schmunzelnd blinzelte ich zu ihm auf und traf auf seinen neugierigen Blick. Bevor ich ihn kennengelernt hatte, hätte ich nie gedacht, dass jemand so intensiv grüne Augen haben könnte. „Ja hab ich.“

„Wo?“, fragte er sofort.

Ich blinzelte erneut und schmunzelte. „Das wüsstest du wohl gerne. Nur so viel. Es ist an einer Stelle, die ich ganz sicher nicht hier zeigen werde.“ Daraufhin wurde sein Lächeln um einiges breiter. Es tat gut, ihn so fröhlich zu sehen. Wie gerne hätte ich dafür gesorgt, dass es immer so war und seine allgegenwärtige Traurigkeit vollständig vertrieben. Sekunden später wurde ich ziemlich unsanft angerempelt und stolperte unbeholfen nach vorne. Hätte Edward nicht direkt vor mir gestanden, wäre ich wohl umso unsanfter auf dem klebrigen Boden gelandet. Doch so landete ich direkt in seinen Armen, die er sofort um mich schloss. Reflexartig klammerte ich mich an ihnen fest und spürte seine ausgeprägten Muskeln unter dem dünnen Stoff seines Shirts. Ich spürte seine Arme an meinem Rücken, die mich fest umschlossen und leicht an ihn drückten. „Sorry“, murmelte ich. „Danke fürs Auffangen, ich hab mich wirklich schon der Länge nach auf dem Boden liegen sehen.“

Ein leichtes Vibrieren seines Oberkörpers zeigte mir, dass er lachte. Durch die unglaubliche Nähe zu ihm musste ich meinen Kopf in den Nacken legen, um ihm Ansatzweise ins Gesicht blicken zu können. Sanft grinste er zu mir runter und meinte: „Nicht der Rede wert. War wohl Emmetts Art und Weise uns dazu aufzufordern, ihm und Jasper auf der Tanzfläche beizustehen.“

„Emmett?“ Ich riss die Augen auf und zog die Brauen hoch, dann sah ich mich verwirrt um. Emmett war inzwischen einige Meter entfernt, doch ein breites Grinsen war immer noch auf seinem Gesicht zu erkennen. Er wirbelte mit Rose über die Tanzfläche und sah immer wieder zu uns rüber. Ich drehte mich wieder zu Edward ohne ihn wirklich anzusehen. Dabei muss ich zu komisch ausgesehen haben, denn Edward sah zu mir und lachte los. Ich fühlte wie das Blut in mein Gesicht schoss.

„Hey… mach dir nichts draus. Komm Bella, lass uns tanzen. Unterhalten kann man sich bei der Lautstärke hier ohnehin nicht wirklich. Daraufhin hatte ich das Vergnügen mit ihm zu tanzen. Sehr zu meiner Beruhigung hielten sich seine Tanzkünste aber ebenso wie meine in Grenzen. Obwohl er wohl noch talentierter war als ich, er war auf jeden Fall kein hoffnungsloser Fall und hatte durchaus Taktgefühl, doch fehlte ihm irgendwie das Gefühl für die richtigen Bewegungen. Dennoch konnte ich mich nicht beklagen und auch er wohl nicht, da ich ihm beim Tanzen nur wenige Male auf die Füße trat. Wer mich kannte wusste, dass er damit durchaus zu den glücklicheren Tanzpartnern von mir gehörte.

Viel zu früh mussten wir uns verabschieden. Doch gegen eins wurde Alice und mir bewusst, dass es besser war nach Hause zu fahren. Immerhin hatte dieser Tag zu einer unchristlichen Zeit begonnen und am nächsten Morgen mussten wir beide wieder früh raus. Alice sogar noch früher als ich, da sie vor der Arbeit immer noch Joggen oder Schwimmen ging.

Ich beneidete sie oft um ihre Willenskraft, denn ich drehte mich zu der Zeit viel lieber noch einmal in meinem gemütlichen Bett um. Gleichzeitig erklärte ich sie insgeheim allerdings auch für verrückt. Freiwillig zu der Tageszeit in den Park zu gehen, um dort immer wieder die gleiche 2,93 Meilen langen Joggingstrecke zu absolvieren, kam für mich nicht in Frage. Für meine Kondition strampelte ich mich lieber im Fitnessstudio auf dem Fahrrad ab oder legte meine Meilen auf dem Laufband zurück. Das konnte Alice wiederum nicht verstehen. Denn sie fand, es sei doch sinnlos seinem eigenen Spiegelbild entgegenzulaufen und auch sonst nirgendwo anzukommen. Als ob sie je irgendwo ankam, wo sie jeden Tag die gleiche Strecke entlang joggte. Am Ende landete sie doch immer wieder verschwitzt in ihrer Wohnung. Dort überraschte ich sie dann regelmäßig mit einem leckeren Frühstück. Es kam immer ganz auf den Vorabend an. Am Morgen nach unserem Tanzausflug hielt ich für sie lediglich eine Tasse vom schwarzen Gold und eine einzelne Scheibe Toast bereit. Sie hatte ein, zwei oder auch ein paar mehr Martinis über den Durst getrunken und quälte sich am nächsten Morgen dementsprechend. Ich konnte meine Genugtuung nur schwer verbergen. Endlich war es mal nicht ich, die sich nicht hatte zurückhalten können.

~*~

In den nächsten zwei Wochen trafen wir uns ein paar Mal mit Edward und den anderen, entweder zum Essen oder wir setzten uns gemütlich beisammen für einen kleinen Drink nach Feierabend. Für mehr war einfach keine Zeit, denn wir alle hatten reichlich zu tun. Glücklicherweise blieben mir geschäftliche Treffen mit Emmett in der Zeit erspart, lediglich per E-Mail hielt ich ihn über die Entwicklungen auf dem Laufenden.

Aufgrund zahlreicher Verhöre durch Alice und noch mehr abendliche Selbstgespräche, musste ich mir schon schnell eingestehen, wie sehr mich Edward bereits anzog. Die Gefühle, die ich in so kurzer Zeit für ihn entwickelt hatte ließen mich staunen. Am Anfang hatte ich noch gedacht, dass es vielleicht nur auf einer körperlichen Anziehung beruhte, immerhin sah er zum niederknien gut aus. Doch noch viel mehr faszinierte mich sein teilweise widersprüchlicher Charakter. Ich konnte nicht mal sagen, dass sein rebellisches Aussehen nur Fassade war. Denn hinter all dem steckte zwar auch eben jener charmante Edward, aber eben auch eine durch und durch kämpferische Persönlichkeit. Seine fürsorgliche Seite hatte ich ja schon bei meinem Austern-Debakel auf Galveston kennen lernen dürfen, doch er konnte auch anders. Seine gelegentlichen Auseinandersetzungen mit Emmett sprachen eine andere Sprache. Wenn man ihn ließ, blieb er für sich. Außer mit Emmett und Rose, und inzwischen auch Alice und mir, schien er mit niemandem großartig etwas zu unternehmen. Das alles übte einen unglaublichen Reiz auf mich aus. Es war, als wollte ich auf Teufel komm raus meinem Leben noch ein bisschen Aufregung hinzufügen. Denn er war einfach Adrenalin auf zwei Beinen, in jeglicher Hinsicht. Mein Herz überschlug sich ja schon fast sobald ich ihn sah und schien mit meinen Gedanken um die Wette zu laufen. Frei nach dem Motto, wer ist als erstes bei ihm.

Je besser ich ihn kannte, umso öfter erwischte ich mich dabei, wie meine Gedanken zu ihm abschweiften. Dann bewunderte ich ihn wieder, wie er am Strand aus dem Wasser kommt. Aus seinem feuchten strubbligen Haar rinnen ein paar Wassertropfen und suchen sich langsam ihren Weg seinen Oberkörper hinunter. An den Rändern seiner Tätowierung entlang, über seine erkennbaren Bauchmuskeln hinweg. Um dann vom Bund seiner Shorts aufgehalten zu werden, die tief auf seinen Hüften hängen…

Leider kamen mir diese Gedanken auch in äußerst ungünstigen Momenten, wenn gerade ich mit über 150 Meilen pro Stunde über den Highway raste oder einem schwierigen Kunden versuchte zu erklären, warum ich niemals mit seinem Budget auskommen konnte.

Mir war klar, dass mir ein kurzer Flirt mit ihm nicht reichen würde. Ich wollte mehr. Nur bezweifelte ich, dass er es genauso sehen könnte. Er schien mir nicht der Typ für eine ernste Beziehung zu sein. Diese Vermutung wurde durch Emmetts Erzählungen noch weiter gefestigt. In der Vergangenheit schien Edward die weibliche Bevölkerung nicht gerade gescheut zu haben. Davon hatte ich mir ja bei unserem Tanzabend auf Galveston selbst ein Bild machen können, als er mit dieser Victoria abgedampft ist.

Ich hatte zwar auch schon ein paar kürzere Beziehungen gehabt, doch war mir bei denen von vornherein klar, dass ich auch nicht mehr von ihnen wollte. Die hatte ich schlichtweg nie als etwas Ernstes betrachtet, doch das war dieses Mal anders. Also hielt ich mich zurück und versuchte es gar nicht erst soweit kommen zu lassen. Dadurch wollte ich mich vor einer herben Enttäuschung bewahren. Ich musste jedoch gegen meine immer stärker werdenden Gefühle ankämpfen. Zwischen Edward und mir entstand dadurch eine unangenehme Spannung. Wobei ich fast den Eindruck hatte, als hätte sich Edwards Verhalten mir gegenüber auch verändert. Allerdings bildete ich mir das wahrscheinlich nur ein. Denn warum sollte er mich schon anders anschauen als die anderen? Warum sollte sein Tonfall in einer Unterhaltung mit mir anders sein als sonst? Schlichtweg warum sollte er sich anders verhalten? Dafür gab es keinen Grund. Also musste ich mir einreden, dass er weniger abweisen wirkte wenn er mich ansah. Dass da irgendetwas in seinen Augen funkelte, dass ich nicht zuordnen konnte. Dass seine Stimme ein wenig rauer klang, wenn er meinen Namen sagte. Dass er in meiner Nähe scheinbar mitten in einer Bewegung stoppte und seine Hand zurückzog, wo auch immer sie vorher hin wollte.

Unglücklicherweise fiel es mir von Tag zu Tag schwerer Edward, aber auch Emmett und Rose, mitzuteilen, dass ich Isabella Marie Swan war. Wie gesteht man jemanden den man mag, dass man ihm eine wichtige Information vorenthalten hat? Dafür gab es einfach keinen einfachen Weg.

Um dem Gefühlschaos in mir ein wenig zu entgehen, hatte ich drei Lösungsansätze. Ich stürzte mich in die Arbeit, suchte nach immer neuen Adrenalin-Schüben und vermied Konfrontationen mit Alice. Letzteres gelang mir allerdings nur, indem ich meine beste Freundin viel zu sehr vernachlässigte. Sie hatte es nicht verdient und ich ein furchtbar schlechtes Gewissen, doch ich sah mich den Diskussionen mit ihr einfach nicht mehr gewachsen. Immerhin lag sie mir ständig damit in den Ohren, dass die anderen es von mir erfahren sollten und das besser früher als später. Langsam aber sicher wuchs mir das Ganze über den Kopf und ein Ende war noch nicht in Sicht.

Um nicht vollends zusammen zu brechen, fuhr ich mit ein paar Freunden zum Canyoning in der Nähe von Austin. Und das mitten in der Woche, vielleicht wäre Alice ja trotz allem ein wenig stolz auf mich. Ich hoffte den Kopf frei zu kriegen, während wir zusammen eine Schlucht von oben bis unten durch Abseilen, Springen, Rutschen, Schwimmen und Tauchen durchquerten. Eine Zeit lang gelang mir das auch ganz gut.

Ich tauchte gerade nach ein paar kleinen Stromschnellen auf, da ertönte Tias Stimme gedämpft: „Bella, dein Handy klingelt.“ Ich neigte den Kopf um das lästige Wasser aus meinen Ohren zu bekommen und konnte endlich wieder deutlich hören. Dann nahm auch ich den durchdringenden Klingelton wahr, der bei mir eine Gänsehaut auslöste. Das kam aber nicht nur von der nervtötenden Melodie, sondern auch da es bedeutete, dass mich meine Eltern anriefen. Meistens jedoch meine Mutter, da sie gesprächiger war als mein Vater. Genervt stöhnte ich auf und schwamm zur wasserdichten Tonne, die einige Meter von mir entfernt vor sich hin dümpelte. Darin befanden sich die Erste Hilfe Ausrüstung und unsere Wertsachen, somit auch mein Geschäftshandy. Selbst wenn ich frei hatte, konnte ich es mir nicht leisten telefonisch nicht erreichbar zu sein.

„Mensch B, das muss ja wichtig sein wenn du dein Blackberry nicht mal ausstellst, während du den Fluss unsicher machst.“, zog mich Benjamin auf als ich die Tonne erreichte. Er machte sich auf unseren Touren regelmäßig darüber lustig, dass ich mein Handy immer bei mir trug und nie ausstellte. Doch natürlich wusste er nicht, dass ich eine eigene Firma hatte und somit darauf angewiesen war. Also überhörte ich die Sticheleien und schob es scherzhaft auf eine chronische Handysucht.

Während ich den Deckel der Tonne abschraubte und nach meinem Blackberry kramte, warf ich ihm über die Schulter eine Antwort zu: „Du kennst mich ja Ben und übrigens es ist meine Mutter.“

Jetzt mischte sich auch Stefan ein: „Deine Mutter ist ein Blackberry? Na jetzt wundert mich gar nichts mehr.“ Grinsend verdrehte ich die Augen, da es wieder mal ein vollkommen typischer Kommentar gewesen war. Solche durften Tia und ich uns regelmäßig anhören, wenn wir mit Benjamin und Stefan unterwegs waren.
Ich hatte die Quelle des nervigen Lärms endlich erwischt, als Tia aufstöhnte: „Boah Jungs.“ Dass sie daraufhin unter Gelächter von ihrem Freund Benjamin in den Fluss gestoßen wurde, versuchte ich zu verdrängen. Immerhin wartete am anderen Ende der Leitung meine nicht immer gut gelaunte Mutter auf mich. Da wir zuvor einen ziemlich anstrengenden Teil der Strecke hinter uns gebracht hatten, war ich immer noch etwas außer Atem.

Ich wappnete mich für das Kommende und nahm den Anruf entgegen. Meine Mutter ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen sondern legte gleich los. „Guten Morgen Isabella, du hast dich lange nicht gemeldet! Warum hat das denn so lange gedauert, bis du abgenommen hast? Ich dachte schon, es wäre irgendwas…“ Bereits nach kurzer Zeit schaltete sich mein Gehirn ab, wirklich Wichtiges würde sie sowieso nicht so schnell von sich geben. Wozu also unnötig anstrengen?

„Hallo, ich bin gerade beim Sport, deswegen hat das länger gedauert.“, meinte ich nur sobald sie geendet hatte und hatte keine Ahnung wie sie geendet hatte. Es konnte also gut sein, dass sie mich gerade nach dem Wette in Houston gefragt hatte oder meine Meinung über den neusten Tratsch in Forks wissen wollte.

Am liebsten würde ich das Gespräch so kurz wie möglich halten, doch das konnte schwer werden mit meiner Mutter in der Leitung. Neugierig wie eh und je, fragte mich sofort warum ich beim Sport war: „Es ist Dienstagnachmittag, warum bist du denn nicht in deiner Firma und was machst du für Sport?“

Jetzt hieß es für mich aufzupassen, was ich zu ihr sagte. Zum einen wollte ich nicht ungewollt meinen Freunden gegenüber etwas ausplaudern und zum anderen auch nicht riskieren, dass meine Mutter erfuhr was ihre brave, hart arbeitende Tochter so für Hobbys hatte. Also hieß es so vage wie möglich zu antworten. „Man wird sich doch wohl mal für ein paar Stunden frei nehmen dürfen.“, antwortete ich leicht genervt. „Und was soll ich schon für Sport machen? Ganz normal halt. Irgendwie muss ich mich ja ein wenig fit halten. Außerdem, was interessiert es dich? Sonst ist es dir sowas auch egal.“

Auch wenn es hart klang, es entsprach in gewisser Weise der Wahrheit. Es war meinen Eltern immer ziemlich gleich gewesen, was ich tat, solange ich gute Noten nach Hause brachte, mich an das Kleinstadtleben hielt und immer die brave Tochter mimte. Das hatte sich bis heute nicht geändert. Sie wollten mich noch immer als brave Tochter sehen, die immer schön das tat was ihre Eltern von ihr erwarteten. Sie setzten an meinem Verhalten immer noch den Maßstab des Lebens in einer Kleinstadt an, auch wenn ich inzwischen in einer Millionenmetropole lebte. Nur, dass es jetzt nicht die guten Noten waren, die sie verlangten, sondern berufliche Erfolge.

„Isabella, wie redest du mit mir?“, schimpfte meine Mutter nach einer Schocksekunde, ich werde ja wohl noch fragen dürfen was meine einzige Tochter so macht. Schließlich meldest du dich ja nie.“

Na kein Wunder. Mir war klar, dass sie versuchte mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Allerdings hätte sie mittlerweile wissen müssen, dass sie bei mir damit zum Scheitern verurteilt war. Den Versuch hätte sie sich also getrost sparen können. Dennoch versuchte sie es immer wieder und das meistens, um irgendwas zu erreichen. Worum es sich dieses Mal handelte würde ich auch noch erfahren.

„Ja ja, ich weiß, ich bin eine schreckliche Tochter, wie hast du nur sowas verdient?“, meinte ich ironisch, da ich genau wusste wie sehr ich sie durch meine sarkastischen und ironischen Kommentare nerven konnte. Auch diesmal hörte ich sie am anderen Ende der Leitung leise seufzen. Sie verfluchte wohl, dass mir mein Vater diese eine Eigenschaft vererbt hatte, die sie nicht an ihm liebte.

Kurz darauf erwiderte meine Mutter frustriert: „Ist ja schon gut. Hauptsache du hast daran gedacht den Flug zu buchen.“

„Welchen Flug?“, fragte ich daraufhin ratlos.

„Natürlich den zu Thanksgiving, es sind nur noch wenige Wochen bis dahin“, erklärte sie als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Scheiße, auch das noch, Thanksgiving. Den Feiertag hatte ich total vergessen und natürlich erwarteten meine Eltern, dass ich über die Feiertage zu ihnen kam. Ich muss wohl unbewusst aufgestöhnt haben, denn sie bohrte nach: „Ist was?“

Ich versuchte einen Ausweg zu finden: „Nein nichts, schon gut. Aber ich weiß wirklich nicht, ob ich es dieses Jahr schaffe.“

„Wie bitte?! Ich hoffe doch sehr, dass ich mich da gerade verhört habe. Natürlich kommst du zu Thanksgiving nach Hause“, kam von ihr entrüstet. Es wäre ja auch zu schön gewesen so einfach davon zu kommen.

Doch noch gab ich nicht auf: „Mal ehrlich, gerade hast du dich noch gewundert, dass ich einen Tag frei habe und jetzt gehst du davon aus ich könnte so ohne Probleme gleich mal ein paar Tage wegfahren? Es ist im Moment wirklich schlecht, ich hab viel zu tun.“ Aus den Augenwinkeln sah ich wie es sich die anderen am Flussufer bequem machten. Sie schienen wohl nicht mit einem schnellen Ende des Telefonats zu rechnen. Also zog ich die Tonne hinter mir her und bewegte mich langsam zu ihnen.

„Du wirst es doch wohl noch schaffen für ein verlängertes Wochenende zu deinen Eltern zu fahren. Immerhin haben wir dich schon fast ein Jahr lang nicht mehr gesehen. An deinem Geburtstag hattest du ja auch keine Zeit zu kommen“, warf sie mir vor.

Daraufhin grummelte ich nur: „Immerhin macht sich die Arbeit nicht von alleine und ihr habt mich ja auch nie besucht.“

„Du weißt genauso gut wie ich, dass es nicht ging. Ich kann nicht einfach frei nehmen als Lehrerin und dein Vater auch nicht.“

„Klar, weil die Schule ja auch nie Ferien hat und Charlie keine Urlaubstage zustehen“, entgegnete ich. „Also gut, ich werde sehen was sich machen lässt. Aber dann kommen Alice und Jasper auch mit.“ Den Beistand brauchte ich wirklich, ansonsten konnte man mich nach ein paar Stunden wohl in eine Irrenanstalt einweisen. Ich sah schon vor mir, wie mich die Männer mit den schicken weißen Jacken abholen würden und meine Mutter versuchte den Nachbarn einzureden, dass es eine texanische Art des Chauffeurservices ist.

„Welcher Jasper?“, fragte meine Mutter, obwohl sie genau hätte wissen müssen, wer er war. Inzwischen saß ich neben meinen Freunden am schlammigen Ufer und bediente mich an den mitgebrachten Sandwiches. Stefan hatte wortlos für uns alle beschlossen, dass es Zeit war für eine leicht verfrühte Mittagspause. So gegen zehn, aber verfressen wie er war, störte ihn das nicht im Geringsten.

„Mein bester Freund und der Mann von Alice, Mutter. Die Beiden sind seit ein paar Jahren verheiratet und ich hab schon mehrmals davon erzählt. Inzwischen solltest du es dir vielleicht mal gemerkt haben.“, rief ich und biss genussvoll von meinem Truthahn-Sandwich ab.

„Der Basketballspieler? Die haben sich nicht scheiden lassen? Ach jetzt, wo du es sagst erinnere ich mich an ihn. Die armen Brandons, so jemanden als Schwiegersohn.“

Ich konnte nicht glauben, dass sie schon wieder damit anfing. Es war jedes Mal das Gleiche. Sie fand an Jasper kein gutes Haar und sah immer nur das Unglück, dass er angeblich über Alice‘ Eltern gebracht hatte. Auch wenn er nicht der einzige Grund war für die zwischen Alice und ihren Eltern herrschende Funkstille. Denn auch die Berufswahl von Alice hatte dazu beigetragen und dadurch hatte es ja bereits mit der Collegeauswahl begonnen. Es war wohl für eine Brandon nicht zu entschuldigen eine einfache Fotografin zu sein. Vor allem da Alice eigentlich Jura studieren sollte um später mal die Kanzlei ihres Vaters zu übernehmen. Meine Eltern schlugen sich seitdem voll und ganz auf die Seite der Brandons und das war regelmäßig Anlass für Diskussionen zwischen uns. So auch diesmal, denn ich bestand trotz allem darauf, dass Alice und Jasper auch eingeladen wurden.

„Ihr habt Alice all die Jahre sehr gemocht und sie ist immer noch dieselbe“, versuchte ich die entstandene Auseinandersetzung nach einigem hin und her zu beenden. Natürlich war es nicht so einfach, doch mit etwas Überzeugungskraft gelang es mir. Am Ende ließ sich meine Mutter breitschlagen und ich durfte meine Freunde mitbringen. Obwohl sie wahrscheinlich hoffte, dass ich doch alleine kam. Doch darauf konnte sie lange warten.

Als ich endlich auflegen konnte, fing Benjamin neben mir an zu kichern. Dafür bekam er von mir eine Ladung Wasser ins Gesicht und dann brachte ich schnell mein Blackberry in Sicherheit. Gerade noch rechtzeitig drehte ich den Deckel der Tonne zu, denn schon wurde ich von ihm gepackt und kopfüber in den Fluss gestürzt. Dabei rief er lachend: „Du hast wirklich eine komische Beziehung zu deiner Mutter.“

Hustend und prustend tauchte ich wieder auf und eine ausgewachsene Wasserschlacht entstand. Erst nachdem wir viel später außer Atem vor Lachen im kühlen Wasser lagen und uns langsam wieder beruhigten, machten wir uns immer noch scherzend auf den restlichen Weg.

Noch am gleichen Abend überzeugte ich Alice mit Jaspers telefonischer Hilfe, mich zu begleiten. Als moralische Unterstützung und damit er endlich mal die Stadt sah, in der wir aufgewachsen waren. Das Argument war Jasper eingefallen und letztendlich wohl ausschlaggebend. Er hatte es aber auch sehr überzeugen rüber gebracht, dass er unbedingt mal sehen wollte, wo seine beiden Schätze groß geworden sind. Also konnte ich sich meine Mutter die Ausrede mit dem etwas anderen Fahrdienst wohl doch sparen.

~*~

„Das Marketingkonzept beinhaltet auch, welche Strategie zur Erschließung eines neuen Marktes für Ihr Unternehmen am lukrativsten wäre“, erklärte ich am nächsten Vormittag gerade einem Kunden, als mein Handy klingelte. Daraufhin stutzte ich, denn es war keineswegs mein Blackberry, welches ich für meine Geschäfte nutzte. Auf meinem Privathandy riefen mich meine Freunde selten vor dem Mittagessen an, da viele von ihnen selber lange schliefen. Noch erstaunter war ich, als ich die Nummer auf dem Display erkannte. Es war Edward. Edward? „Ehm vielleicht sehen Sie sich kurz die Beispiele für die Werbungen an, die Ihnen vorliegen Mr. Garrett. Und, eh wenn sie mich dann kurz entschuldigen…“, meinte ich zu meinem Kunden. Garrett nickte abwesend und vertiefte sich in die Unterlagen. Glücklicherweise schien es ihn nicht zu stören, dass ich ein Meeting unterbrach um zu telefonieren. Ich schnappte mir mein Handy und trat ans Fenster, um den Anruf entgegen zu nehmen. „Edward?“

Dann erklang auch schon Edwards Stimme in der Leitung. Tief, sanft und doch ein wenig rau. „Ja, hey Bella. Ich hoffe, ich störe nicht?“

„Oh nein, kein Problem“, beeilte ich mich zu sagen. Ich fragte mich, was er wohl von mir wollte.

„Gut…“, fing er etwas zögernd an. „Also ich wollte auch nur fragen, ob du heute Abend Zeit hast? Wir könnten was unternehmen und danach was Essen gehen.“ Einen Moment lang befürchtete ich, ich hätte mich verhört. Dadurch muss ich etwas zu lange gezögert haben, denn Edward hakte bereits nach: „Bella? Bist du noch dran?“

„Was? Oh ja, tut mir Leid. Klingt gut, Edward.“ Ich musste mich ziemlich zusammenreißen nicht von einem Ohr zum anderen zu grinsen. Mir half dabei, mich immer wieder daran zu erinnern, dass nur wenige Meter entfernt ein Kunde von mir saß, dem ich eigentlich gerade ein kompliziertes Konzept erklären sollte.

„Klasse, ich hol dich dann um sechs ab, wenn das in Ordnung ist.“

Ich schluckte schwer, das würde knapp werden. Normalerweise war ich um die Zeit immer noch im Büro, dennoch hörte ich mich sagen: „Ja, alles klar. Ich schreib dir dann noch meine Adresse, damit du weißt, wo du hin musst.“

Aus seiner Stimme konnte man deutlich ein Lächeln raus hören, als er mir antwortete: „Ok, ich muss jetzt auch los. Emmett drängelt schon, angeblich vernachlässige ich meinen Job. Bye Bella, bis heute Abend.“

„Bis dann, Edward“, erwiderte ich schmunzelnd. Viel zu schnell war unser Telefonat wieder beendet. Edward Masen hatte mich gerade wirklich eingeladen. Eine richtige Verabredung. Und ich hatte zugesagt ohne über die möglichen Konsequenzen nachzudenken. Doch ich konnte mich nicht dagegen wehren, dass sich in mir ein wenig Hoffnung ausbreitete.

Nach dem kurzen Gespräch mit Edward fiel es mir deutlich schwerer, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Nach dem Meeting mit Garrett erwischte ich mich immer wieder dabei, wie ich mir in Gedanken den Abend ausmalte.

Mitten in einer solchen Tagträumerei platzte Alice in mein Büro. „Hey Süße, hast du Zeit? Ich wollte mich für das Frühstück heute Morgen revanchieren und dich zu Starbucks einladen“, rief sie gut gelaunt und zog die Tür hinter sich zu. Erwartungsvoll schmiss sie sich auf einen der Besucherstühle vor meinem Schreibtisch. Dabei trommelte sie mit ihren Fingern auf der Tischplatte.

„Wir sollten vielleicht lieber ins Teehaus gehen, als dir noch eine Portion Koffein zu verpassen.“, lachte ich und deutete auf ihre Finger. Dann schlug ich die Akte vor mir zu und sprang auf. „Also los.“

Daraufhin sah Alice mich ziemlich verwirrt an und meinte kichernd: „Wer bist du und was hast du mit meiner Freundin gemacht? Bella bist du krank? Hast du Fieber? So schnell konnte ich dich ja noch nie überreden.“

Ich stopfte schnell alles Nötige in meine Tasche und scheuchte Alice hoch. „Einmal ist immer das erste Mal. Außerdem zählt es ja wohl nicht als überreden, wenn ich ohne Widerstand zu leisten zustimme. Ich habe außer meiner Besprechung heute Morgen ohnehin nichts fertig bekommen; kann mich einfach nicht konzentrieren“, sagte ich zu ihr. Als wir aus meinem Büro traten, konnte ich genau sehen, dass Alice beinahe vor Neugierde platzte. Allerdings hielt sie sich zurück, wenn auch mühsam. Doch ich wusste sie würde mich bombardieren, sobald wir ungestört im Starbucks an einem Tisch saßen.

Bei Starbucks angekommen bestellte sich Alice ihren üblichen Karamell Macchiato und einen Schokoladenmuffin und ich einen ganz gewöhnlichen schwarzen Kaffee. Wie ich erwartet hatte, schoss Alice mit ihren Fragen los sobald wir uns gesetzt hatten. Daraus wurde allerdings ein heilloses Durcheinander, dass mich nichts verstehen ließ. „Stopp, ich versteh kein Wort“, unterbrach ich ihr Wortwirrwarr. „Also um es kurz zu machen, ich habe heute Abend ein Date.“

„Ein Date? Mit wem?“, kam sogleich von ihr. Während sie mich neugierig betrachtete, nahm sie einen großen Schluck ihres geliebten Macchiatos.

Mit glücklichem Lächeln auf dem Gesicht antwortete ich ihr: „Mit Edward.“ Was folgte, war ein Prusten gefolgt von einigem Husten. Alice hatte sich bei der Nachricht an ihrem heißen Getränk verschluckt und verteilte es nun über den halben Tisch. Gerade noch rechtzeitig brachte ich mich vor den Spritzern in Sicherheit. Dann reichte ich ihr eine Serviette und erzählte weiter: „Er hat mich heute Morgen angerufen und holt mich um Sechs bei mir ab. Oh… dabei fällt mir ein… ich muss ihm noch meine Adresse schreiben.“

Während ich schnell eine SMS an Edward eintippte, hatte Alice sich wieder beruhigt. Sie freute sich mindestens genauso über die Einladung wie ich, wenn nicht sogar noch mehr. Immerhin teilte sie nicht meine Bedenken und Sorgen bezüglich Edwards Beziehungsfähigkeit. Ich nahm mir auch vor, das für heute Abend zu verdrängen. Diesen Abend wollte ich einfach auf mich zukommen lassen und in vollen Zügen genießen. Die nächsten Minuten sprachen wir darüber, was er geplant haben könnte. Dann wurden wir allerdings von einer SMS von ihm unterbrochen und ich las sie leise vor: „Super, werde da sein. Zieh dir Jeans an und nimm ne Jacke mit. Bis heut Abend. Edward.“

„Also geht ihr nicht tanzen, würd ich mal sagen“, kommentierte Alice das Ganze mit einem Grinsen. „Ich frage mich, was er mit dir vor hat.“

„Rechne nicht mit etwas allzu romantischem. Ich glaube nicht, dass er dafür der Typ ist“, entgegnete ich. Doch ich wollte auch zu gerne wissen, was wir am Abend machen würden. In Gedanken plante ich aber gleichzeitig schon mein Outfit. Eigentlich sollte ich ihm dankbar sein, dass er die Auswahl schon eingegrenzt hatte. Ich hatte nicht wirklich Lust darauf, wieder ewig und drei Tage vor meinem Schrank zu stehen. Nur, um am Ende doch das zu nehmen, was ich bereits relativ am Anfang aussortiert hatte.

Alices aufgeregte Stimme riss mich aus meinen Gedanken: „Man weiß ja nie. Noch nie etwas von dem berühmten weichen Kern in der harten Schale gehört? Ich hätte Jasper am Anfang auch nicht zugetraut so romantisch sein zu können. Aber sie ihn dir an, erinnerst du dich an den Heiratsantrag? Ich könnte immer noch heulen, wenn ich daran denke.“ Als sie geendet hatte, biss sie von ihrem Muffin ab. Da sie ihn vorher schon eine ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, war die Schokolade wohl schon etwas geschmolzen. Als sie mich glücklich mampfend ansah, hatte sie die Schokolade nicht nur im Mund.

„Das kann ich mir vorstellen Süße, allerdings hab ich ihm das von Anfang an zugetraut“, meinte ich und konnte dabei den Blick nicht von ihrer schokoladenverschmierten Nase abwenden.

Zu allem Überfluss zog meine Freundin in dem Moment die Nase kraus und murmelte: „Aber auch nur, weil er sich dir vorher anvertraut hat.“ Der Anblick, der sich mir bot, war urkomisch. Daher konnte ich mir ein Kichern auch nicht verkneifen. Das ignorierte sie gekonnt und meinte: „Wehe du erzählst mir dann morgen nicht alles. Immerhin kommen Jazz und ich auch mit zu deinen Eltern.“

„Das zieht aber auch nur einmal als Druckmittel. Du wirst da nicht bei jeder Kleinigkeit drauf rumreiten“, forderte ich. So viel Überzeugungsarbeit hatten Jasper und ich dann ja auch nicht leisten müssen. Daher konnte sie es nicht so darstellen, als ob sie wer weiß was für mich opfern würde. Doch natürlich versprach ich auch, ihr so schnell wie möglich von meinem Date zu berichten. Das gehört sich schließlich für eine gute Freundin. Vor allem wenn sie zuvor viel zu kurz gekommen war.

Leider mussten wir schon kurz darauf wieder aufbrechen. Die Arbeit schrie schon beinahe nach uns beiden und wenn ich am Abend halbwegs pünktlich aus dem Büro kommen wollte, musste ich mich ranhalten. Wir bewaffneten uns beide noch mit koffeinhaltigem Nachschub und gingen zurück zum Bürogebäude. Dort fiel es mir diesmal ein wenig leichter mich auf meine Arbeit zu konzentrieren. Dennoch schaffte ich mein Arbeitspensum nur ganz knapp. Um kurz vor halb Sechs rannte ich buchstäblich hinunter zum Parkplatz, wo Alice zum Glück schon wartete und wir fuhren nach Hause.

In meiner Wohnung angekommen sprang ich schnell unter die Dusche. Inzwischen kam bei mir Nervosität auf. Glücklicherweise konnte ich mir darüber aber nicht zu viele Gedanken machen, denn dazu hatte ich gar keine Zeit. Kaum eine dreiviertel Stunde nachdem ich das Büro verlassen hatte, setzte ich mich mit noch feuchten Haaren auf meine Couch und wartete. Ich hätte gleich davon ausgehen sollen, dass er nicht pünktlich sein würde. Insgeheim ärgerte ich mich über mich selbst. Wenn ich daran gedacht hätte, hätte ich auch noch meine Haare föhnen können. Doch andererseits fühlte ich mich ohne großartiges Make-Up und aufwändiges Styling auch einfach am wohlsten.

Kurz darauf klopfte es an meiner Tür, daraufhin nahm ich mir meine Tasche und stürzte zur Tür. Als ich sie öffnete und Edward sah, stockte mir der Atem. Er trug eine ausgewaschene schwarze Jeans und einen dunkelgrünen Kapuzenpulli. Seine Haare standen wie immer wirr von seinem Kopf ab und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen. Ich brauchte einen Moment um mich an den Anblick zu gewöhnen. Währenddessen begrüßte er mich bereits: „Hallo Bella.“

„Hey“, brachte ich mühsam heraus. Dann trat ich zu ihm und schloss die Tür hinter mir.

Er stand mir weiter reglos gegenüber und was er dann sagte, ließ mich knallrot anlaufen: „Wow, Bella du siehst einfach umwerfend aus.“

„Danke“, stammelte ich und sah an mir hinunter. Diese Beschreibung hätte ich nicht für mich und mein Outfit gewählt. In meiner Eile, hatte ich mich für meine helle Lieblings-Jeans mit dem großen Loch am Knie, ein schwarzes Bandshirt der Ramones und meine violette Lederjacke entschieden. In Kombination mit meinen nassen Haaren und dem schlichten Make-Up, sah ich meiner Meinung nach eher so aus als ob ich mit Alice ins Kino gehen wollte. Und nicht auf mein erstes Date mit einem absoluten Traumtypen.

Schweigend fuhren wir mit dem Fahrstuhl nach unten und verließen das Gebäude. Währenddessen hielt ich einen kleinen Sicherheitsabstand und versuchte doch ihm so nahe wie möglich zu sein. Vor dem Eingang stand ein schwarzes Motorrad. Sehr zu meiner Freude steuerte Edward direkt drauf zu. Bei der Maschine angekommen drehte er sich erwartungsvoll zu mir um: „Ich hoffe du hast nichts dagegen, dass wir mit meinem Motorrad fahren?“

„Machst du Witze? Ich liebe es jetzt schon“, rief ich und überbrückte die letzten zwei Meter, die mich noch von ihm und dem Bike trennten.

Daraufhin sah er mich erleichtert an und hielt mir einen Helm entgegen. „Ich hoffe er passt, das ist eigentlich der von Rose.“ Ich nahm ihm den Helm ab und schob ihn mir auf den Kopf. Dann setzte er sich seinen eigenen auf und schwang sich auf sein Motorrad. Nachdem ich noch schnell den Kinnriemen verschlossen hatte, setzte ich mich hinter ihn. Er drehte sich noch etwas zu mir und witzelte: „Halt dich gut fest, gleich geht’s rund. Wenn ich dir zu schnell fahre… klammer dich einfach fester.“ Seine Augen funkelten.

„Davon träumst du!“, rief ich ausgelassen zurück. „Drück auf die Tube, bevor ich im Altersheim lande.“ Vorsichtig legte ich meine Hände um seine Hüfte und spürte wie er lachte. Dann startete er den Motor und lenkte das Motorrad gekonnt durch die Straßen Houstons. Schnell erkannte ich, dass er zum Highway wollte. Das machte es für mich allerdings nur schwerer, zu erraten, wo er mit mir hin wollte. Auf dem Highway angekommen, gab er Gas und wir schossen nach vorne. Daher drückte ich mich ein wenig enger an ihn, um dem Gegenwind zu entgehen. Ziemlich schnell hatten wir an Geschwindigkeit gewonnen und flogen geradezu über den Asphalt dahin. Scheinbar mühelos überholten wir alle anderen, die sich auf dem Highway befanden. Ohne Rücksicht auf die Geschwindigkeitsbegrenzung lenkte Edward uns gekonnt durch den Verkehr. Nur verschwommen nahm ich die Umgebung wahr. Es rauschte in meinen Ohren und Adrenalinschübe wechselten sich mit kleinen Jubelschreien ab. Immer wieder spürte ich wie Edwards Oberkörper leicht vibrierte. Er lachte und das ließ mich wiederum glücklich seufzen.

Über die Interstate 10 ging es einige Meilen in Richtung Westen und schließlich wieder zurück. Mir wurde klar, dass er nur die Geschwindigkeit hatte genießen wollen und ich war ihm dankbar dafür. Es hatte unglaublichen Spaß gemacht. Sogar fast mehr, als wenn ich meinen Spyder ausfuhr, aber auch nur fast.

Nach über einer Stunde kamen wir bei unserem eigentlichen Ziel an, welches auf direktem Weg vielleicht zwanzig Minuten entfernt gewesen wäre. Wir hielten vor einem ziemlich alten Restaurant, direkt neben zahlreichen anderen Motorrädern. Edward und ich gingen zum Eingang und er hielt mir die Tür auf. „Ladies first.“

„Wow, heute mal Gentleman?“, schmunzelte ich. Dann betrat ich schnell das Restaurant, damit er nicht sah, dass ich schon wieder rot wurde. Schon von außen hatte es alt ausgesehen, das war jedoch nichts gegen das Innere. An einigen Stellen bröckelte die Farbe von den Wänden und die Polster der Sitze hatten auch schon bessere Tage erlebt. Ich wurde allerdings die Vermutung nicht los, dass es irgendwie auch gewollt war.

Kaum hatte ich den Raum betreten, spürte ich Edwards Hand auf meinem Rücken. „Ich kann immer ein Gentleman sein… wenn ich will“, sagte er leise zu mir. „Ich weiß es ist nichts Besonderes. Es ist sogar noch heruntergekommener als Emmetts Bruchbude. Aber das Essen hier ist klasse, versprochen.“ Dabei sah er sich ebenfalls kurz um und nickte dem Mann hinter der Theke zu. Dieser zeigte zu einem Tisch am Fenster, zu dem wir dann gingen.

„So schlimm ist Emmetts Pub doch auch wieder nicht“, schimpfte ich lachend als ich mich setzte. Edward schob sich auf die Bank mir gegenüber und stimmte in mein Lachen mit ein. Als mir auffiel wie warm es war, zog ich meine Jacke aus und legte sie neben mir auf die Bank.

Edward schob mir eine Karte zu und vertiefte sich selber in  eine zweite. „Nein, so schlimm ist er nicht, aber Em hat sich nicht ohne Grund jemanden gesucht, der ihm hilft den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Was dieser Schuppen hier allerdings auch mal nötig hätte.“ Ich schluckte schwer und war froh, diesmal ausnahmsweise nichts im Mund zu haben. Wäre Alice jetzt hier gewesen, hätte ich ihren spitzen Ellenbogen in meiner Seite spüren dürfen. Sie würde sagen, dass es die perfekte Gelegenheit war, um ihm alles zu erzählen. Doch das war ihre Sicht der Dinge, nicht meine. Kurz darauf unterbrach mein Gegenüber meine lästigen Gedanken: „Und hast du schon was entdeckt? Ich kann dich auf jeden Fall beruhigen, es gibt hier keine Austern.“

Ich sah von der Karte auf und begegnete seinem Blick. Er war geradezu intensiv und brachte mein Herz zum Schmelzen. „Oh Gott, erinner mich bitte nicht daran. Scheiße, waren die widerlich. Du hast mir da wirklich das Leben gerettet“, meinte ich mit belegter Stimme.

Edward legte die Karte beiseite und fuhr sich durchs Haar. Dann verzog er angewidert das Gesicht: „Oh ja, sowas scheußliches hab ich vorher auch noch nicht gegessen. Dennoch würde ich sie dir wieder abnehmen. Auch wenn ich mich immer noch frage, warum du die überhaupt ausgesucht hast.“

Mein Herz machte einen kleinen Sprung, als er sagte, dass er wieder Austern für mich essen würde. Ich lächelte ihm dankbar zu. „Danke, aber Austern werde ich so schnell nicht wieder bestellen. Ausgesucht habe ich die nur wegen Alice, sie ist mit solch grässlichen Delikatessen aufgewachsen. Später wollte ich dann keinen Rückzieher machen.“

„Bloß keine Schwäche zeigen, was?“, meinte er daraufhin und strahlte mich an. Etwas widerwillig nickte ich und er fuhr fort: „Das kenn ich irgendwo her, geht mir genauso.“

„N‘ Abend, Ed. Schön, dass du mal wieder reinschaust. Noch dazu in so schöner Begleitung“, machte der Kellner mit breitem irischen Akzent auf sich aufmerksam und zwinkerte mir gutmütig zu.

„Hey Liam. Finger weg, du bist verheiratet. Darf ich vorstellen, das ist Bella“, begrüßte er den Mann lachend und wandte sich dann an mich. „Bella, das ist Liam. Ihm gehört der Laden hier.“

„Hallo“, dabei ergriff ich Liams große Hand, die er mir entgegen streckte. Ich warf einen schnellen Blick auf ihn, er hatte harte Gesichtszüge, war so um die fünfzig und sah so aus, als ob ihm das Essen und das Bier in seinem Restaurant auch selbst ganz gut schmeckten.

„Freut mich“, erwiderte er. „Habt ihr euch schon entschieden?“

„Also ich nehme ein schönes, großes Steak und eine Coke“, meinte Edward. „Wie sieht‘s bei dir aus, Bella?“ Ich warf einen letzten Blick auf die Karte und entschied mich ebenfalls für ein Steak und ein Guinness.

Als er unsere Bestellung aufgenommen hatte ging Liam wieder, klopfte Edward allerdings zuvor noch auf die Schulter und murmelte: „Sie hat einen guten Appetit, sowas ist selten heutzutage. Behandel sie ja gut.“

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Liam daran dachte, dass ich ihn auch hören konnte. Also spielte ich mit einer Strähne, die sich aus meinem Zopf gelöst hatte und tat so, als ob ich nichts mitbekommen hätte. Edward schien es jedoch eher unangenehm zu sein. Er raufte sich erneut das Haar und spielte mit der Kerze auf dem Tisch herum. Immer wieder knickte er den weichen Rand ein und sorgte damit dafür, dass einiges an Wachs die Kerze runter lief. Zwischendurch tunkte er seine Fingerspritze ins heiße Wachs und ließ ihn an seinen Fingerspitzen trocknen. Er war so vertieft darin, dass er nicht mitbekam, wie ich ihn dabei beobachtete. Langsam bildete sich bei mir ein breites Grinsen aus. Es tat gut zu sehen, dass ich nicht als einzige unsicher war. Allerdings fiel auch mir erst auf wie lange er die Kerze bearbeitet hatte, als Liam mit unseren Getränken am Tisch erschien.

„Edward! Fast immer wenn du hier warst, kann ich die Kerze von deinem Tisch danach wegschmeißen“, schimpfte Liam und stellte die Getränke vor uns ab „Weißt du, Bella, immer wenn er nervös, aufgeregt, unruhig oder wütend ist malträtiert unser lieber Edward hier eine meiner Kerzen. Meine Frau Siobhan bedauert immer noch, dass wir nicht schon vor Jahren Anteile an einer Kerzenfabrik gekauft haben.“

„Danke Liam, ich glaub wir haben es verstanden“, grummelte Edward abwimmelnd.

„Aber bitte doch“, grinste der Ire und ließ uns alleine.

Kaum war er verschwunden, nuschelte Edward: „Wer braucht schon Feinde, wenn er solche Freunde hat?“ Dennoch fummelte er weiter an der Kerze herum. Also schob ich sie beiseite und er sah fragend zu mir auf.

„Ach komm schon Edward, Liam meint es sicher nur gut“, meinte ich aufmunternd. Ich hatte sogar Erfolg damit, denn er lächelte mich leicht an. Dennoch fuhr er sich einmal mehr durch seine Haare. Das schien eine Angewohnheit von ihm zu sein und dadurch wunderte mich auch nicht mehr, dass seine Haare aussahen, als ob er gerade erst aufgestanden war. Ich trank einen großen Schluck von meinem Guinness und seufzte genüsslich. Daraufhin fing Edward an zu kichern und ich fragte schulterzuckend: „Was?“

„Nichts“, wehrte er ab die hob die Hände. Doch da er nicht aufhörte zu glucksen, glaubte ich ihm nicht. Also sah ich ihn ernst an und hob eine Augenbraue. Frei nach dem Motto, raus mit der Sprache. Schließlich gab er nach. „Das sah nur ziemlich niedlich aus. Und außerdem…“, meinte er ruhig und lehnte sich vor, „hast du etwas Schaum an der Oberlippe und der Nasenspitze.“ Noch während er das sagte, rieb er mir mit seinem Daumen besagten Schaum weg. Die sanfte Berührung löste eine Gänsehaut bei mir aus. Auch als sein Daumen nicht mehr auf meiner Haut war, kribbelte es weiterhin an der Stelle. Ich war mir sicher, dass ich schon wieder rot wurde.

Inzwischen wurde der Funke Hoffnung größer, dass eine feste Beziehung mit ihm vielleicht doch möglich war. Daher dachte ich erneut darüber nach, ihm die komplette Wahrheit zu erzählen. Es wäre die Gelegenheit, immerhin waren wir allein und unterhielten uns gerade richtig gut. Andererseits konnte diese Offenbarung auch die ganze Stimmung zwischen uns wieder ruinieren. Dennoch legte ich mir bereits die richtigen Worte zurecht. Erneut fragte ich mich wie sagt man jemanden, dass man ihm die ganze Zeit etwas verschwiegen hat, wenn einem dieser jemand schon so sehr am Herzen lag.

„Edward, ich…“, begann ich gerade, als mich wieder aller Mut verließ. Ich beschloss es vorerst bei Bella zu belassen und Isabella Marie Swan weiterhin im Hintergrund zu halten. Verdammt, wann war ich zu einem solch großen Angsthasen geworden? Da ich leise gesprochen hatte, hoffte ich noch einen Moment, dass Edward es vielleicht nicht gehört hatte. Dass es nicht so war, merkte ich allerdings schnell.

Er hatte die Ellenbogen aufgestützt und die Hände verschränkt. Über die hinweg sah er nun zu mir und nachdem ich nichts weiter sagte hakte er nach: „Ja?“

Nun musste ich mir schnell etwas anderes einfallen lassen. Zum Glück hatte ich durch meinen Beruf gelernt flexibel zu reagieren und mir im Bedarfsfall schnell eine spontane Ausrede einfallen zu lassen. Zu meiner großen Erleichterung schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, der dort schon zuvor herumgeschwirrt war.  „Ehm ich… also ich habe irgendwie das Gefühl, dass du mit den Besitzern von den Lokalen, die du als Bruchbude bezeichnest, ziemlich gut befreundet bist. Vielleicht solltest du etwas an deiner Einstellung ändern, denn so schlecht können sie dann ja nicht sein.“

Er ließ die Hände auf die Tischplatte sinken und grinste verschmitzt. „Ja sieht ganz so aus. Ich sollte wirklich daran arbeiten.“

Ich hatte es zwar geschafft meine erste Unsicherheit zu überwinden, nur half es nicht dauerhaft. Zwischen uns entstand ein unangenehmes Schweigen. Wir schienen beide nicht zu wissen, was wir sagen sollten. Hätte ich Edward die Kerze nicht schon weggenommen, dann wäre sie inzwischen wahrscheinlich schon längst reif für die Mülltonne.

Die angespannte Atmosphäre lockerte sich jedoch schlagartig, als Liam uns das Essen brachte. Es war mir ein Rätsel wie das ging, doch auf einmal fiel es uns unheimlich leicht miteinander zu reden. Während wir unsere Steaks genossen, plauderten wir über Gott und die Welt. Edward hatte wirklich nicht übertrieben, als er mir leckeres Essen versprochen hatte. Ich musste mir das Restaurant gut merken, es war auf jeden Fall einen weiteren Besuch wert.

Nachdem wir aufgegessen hatten und uns Liam noch eine Portion Eis vorgesetzt hatte, trat ein fremder Mann an unseren Tisch. Er war groß, schlank und strahlte etwas Bedrohliches aus. Dagegen war die etwas gefährliche Ausstrahlung Edwards, die eines liebenswerten Teddybärs.

„Sieh an… Ed Masen“, sagte der Kerl betont freundlich. Seine dunklen Augen sprachen jedoch eine ganz andere Sprache.

Ganz offensichtlich kannten sich die beiden und Edward schien nicht gut auf unseren ungebetenen Gast zu sprechen zu sein. „Verzieh dich James“, zischte er ohne seinen Blick von mir abzuwenden. Doch an seinen Augen konnte ich sehen, dass er anfing sich zurück zu ziehen. Zuvor hatte er endlich etwas gelöster ausgesehen, aber nun verhärtete sich sein Blick mit jeder Sekunde die verstrich.

„Aber, aber… wer wird denn gleich so aus der Haut fahren“, entgegnete der Kerl, der James zu heißen schien. Dann musterte er mich und ich fühlte mich augenblicklich unwohl. Die Nervosität, als ich kurz davor war Edward über meinen Beruf zu erzählen, war nichts dagegen. Es erschien mir nicht nur so als ob er versuchte mich mit seinen Blicken auszuziehen, vielmehr schien er mich regelrecht zu verschlingen. „Noch dazu bei einer so hübschen Begleitung und ganz ohne den Bodyguard-Freund deine Schwester.“ Edwards Kopf fuhr herum und er fixierte das Arschloch. Seine grünen Augen schickten geradezu Giftfeile zu seinem Widersacher. Doch dieser James war noch nicht fertig: „Was ist los Ed, ist Vic dir nicht mehr gut genug? Du denkst wohl, du seist etwas Besseres seit du von Aro weg bist. Oh… wo wir gerade über ihn reden, er ist nicht wirklich gut auf dich zu sprechen Eddie. Und auf deine vorlaute Schwester ist er sogar richtig sauer. Ich soll euch ausrichten, dass Aro sich das nicht mehr lange ansieht.“

Sofort sprang Edward auf und drängte sich zwischen James und den Tisch. Er baute sich vor dem Kerl auf und versperrte ihm somit die Sicht auf mich. Erleichtert atmete ich auf und fühlte mich gleich ein wenig wohler. Aber auf jeden Fall um einiges sicherer. Ich sah mich schnell im Restaurant um und bemerkte, dass Liam nirgends zu sehen war und sich die übrigen Gäste nicht für den Streit zu interessieren schienen. „Es interessiert mich einen Scheißdreck was Aro, du oder irgendwer von euch zu sagen hat. Sieh zu, dass du deine miese Visage endlich aus meinem Blickfeld entfernst“, knurrte Edward bedrohlich. Seine Stimme löste sogar bei mir eine Gänsehaut aus.

Daraufhin flüsterte James etwas, doch ich konnte es nicht verstehen. Allerdings sprach Edwards Reaktion Bände. Er stieß James zurück und fuhr ihn wütend an: „Ich warne dich James, du verdammtes Arschloch. Wehe irgendwer von euch kommt ihr oder Rose auch nur ansatzweise zu nahe. Dann Gnade euch Gott und ihr werdet eures armseligen Lebens nicht mehr froh. Das versprech ich dir und du weißt, dass ich sowas ernst meine.“

„Glaubst du ich hab jetzt Angst? Edward, Edward, Edward… du solltest mich inzwischen besser kennen. Schönen Abend noch und pass immer gut auf deine kleine Freundin auf“, erwiderte der Kerl ungerührt und verließ den Laden.

Erleichtert sackte ich in mich zusammen. Zuvor hatte ich starr da gesessen und wie gebannt die Geschehnisse beobachtet. Erst jetzt fielen mir Edwards verkrampfte Fäuste auf. Er hatte sie so fest zusammen gedrückt, dass seine Knöchel sich weiß hervorhoben. „Edward?“, versuchte ich zögerlich. Er zeigte keine Reaktion sondern zitterte nur leicht vor Anspannung. Also versuchte ich es erneut und flüsterte noch einmal seinen Namen. Dabei strich ich leicht über seine linke Faust, in der Hoffnung ihn so erreichen zu können.

Doch stattdessen zuckte er zusammen als ob er einen Stromstoß abbekommen hätte und fuhr ruckartig herum. Sein Kiefer zuckte und er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an. Da lag noch mehr in seinem Blick, doch frustrierender Weise konnte ich es nicht zuordnen. Dann stammelte er: „Ich… ich… scheiße ich muss hier raus. Es tut mir leid.“ Er stürzte aus dem Restaurant und ließ mich unsicher zurück.

Zum Glück blieb es bei einer Schocksekunde und ich war schnell wieder in der Lage zu reagieren. Ohne nachzudenken lief ich ihm so schnell ich konnte hinterher. Sobald ich auf die Straße trat, empfing mich die kühle Abendluft und ich hielt nach Edward Ausschau. Sein Motorrad stand direkt vor mir, doch da war er leider nicht. Das wäre auch zu einfach gewesen. Den Fußweg zu beiden Seiten runter war er auch nicht, dort standen zwar kleinere Gruppen von Rauchern aber kein Edward weit und breit. Auf den ersten Blick konnte ich ihn auch sonst nirgendwo sehen. Dann fiel mir eine dunkle Gestalt auf der anderen Straßenseite auf. Am Ende der Straße hatte er sich gegen eine Häuserwand an der Ecke gelehnt.

Auch wenn ich ihn nicht genau erkannte, war ich mir sicher, dass es Edward sein musste. Langsam setzte ich mich in Bewegung. Schnell überquerte ich die Straße, während ich mich ihm näherte wurden meine Schritte jedoch ganz automatisch langsamer. Als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, hörte ich sein leises Fluchen: „Verfluchte Scheiße. So ein verdammter Mistkerl…“

Ich lehnte mich mit etwas Abstand neben ihn an die Wand und ließ ihn weiter vor sich hin fluchen. Irgendwann ließ es nach, stattdessen grummelte er: „Es tut mir leid. Das mit James. Das ich einfach abgehauen bin. Einfach alles. Beachte ihn einfach gar nicht, er ist es nicht wert.“ Ohne darauf zu reagieren, sah ich weiter stur geradeaus. „Ich meine… scheiße er ist ein verdammtes Arschloch. Ich sollte mich eigentlich echt nicht so über ihn aufregen, aber scheiße… wenn er auch so einen Schwachsinn labert“, meinte er aufgebracht. Dann drehte er sich urplötzlich zu mir und sah mich durchdringend an. „Bella, James kann wirklich gefährlich sein und vor allem hat er gute Kontakte. Ich weiß wovon ich rede… lange genug habe ich den Fehler gemacht mich mit ihnen einzulassen. Bitte versprich mir vorsichtig zu sein, wenn er dir je wieder über den Weg läuft.“

Völlig überfordert schluckte ich schwer und sah mich hilfesuchend zu ihm um. „Edward ich…“

Ich stockte und Edward trat mir gegenüber. Sein Blick wurde flehend. „Bitte Bella, versprich es mir. Ansonsten hätte ich ständig Angst um dich. Noch mehr als ich mich ohnehin schon um Rose sorge. Bitte Bella sei einmal in deinem Leben vorsichtig. Mutig sein ist eine Sache, aber sei um Himmelswillen nicht leichtsinnig.“ Sein Blick suchte dabei meinen und seine Augen sprachen Bände. Es schien ihm verdammt ernst zu sein und noch dazu war er überaus verzweifelt. Wie konnte ich da also anders reagieren, als es ihm zu versprechen. Ich hätte ihm in dem Moment vermutlich alles versprochen, nur um diesen angsterfüllten Blick aus seinen Augen zu vertreiben.

„Mach ich Edward, wirklich“, meinte ich leise zu ihm. „Ich pass auf, aber bitte beruhige dich. Das bringt doch alles nichts.“ Dabei hob ich leicht meine Hand um ihn an der Wange zu berühren. Doch dann fiel mir ein, wie er zuvor bei meiner Berührung reagiert hatte und ich ließ die Hand unverrichteter Dinge wieder sinken.

Allerdings hatte Edward es bemerkt und ergriff sie, sehr zu meiner Erleichterung, sofort fing er wieder an auf mich einzureden: „Unterschätz ihn und Aro nicht. Das Ganze ist so verdammt kompliziert und das ist alles was ich dir sagen kann. Aber du…“

Um seinen Redeschwall zu stoppen drückte ich sanft seine Hand: „Schon gut. Ich pass auf mich auf, keine Sorge.“ Ich sah ihm weiter in die Augen und legte meine andere Hand leicht auf seinen Arm.

Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht und er trat etwas näher zu mir. „Du bist echt unglaublich Bella, weißt du das?“, murmelte er.

Sein intensiver Blick nahm mich gefangen und im nächsten Moment kam er mir mit seinem Gesicht immer näher. Mein Herz fing an zu rasen und überschlug sich fast, als sich seine Lippen leicht auf meine legten. Seinen Arm, auf dem noch immer meine Hand lag, legte er um mich und zog mich vorsichtig an sich. Meine andere Hand ließ er los, daraufhin verselbstständigte sie sich und fand sich in seinem Nacken wieder. Edward unterbrach den sanften Kuss und lehnte seine Stirn gegen meine. Dabei hielt er die Augen geschlossen und atmete schwer. Mit einer Hand strich ich ihm ein paar Haarsträhnen aus der Stirn und dann über seine Wange. Ich spürte seine kurzen Bartstoppeln, sie kratzten leicht unter meinen Fingerkuppen. Zugleich merkte ich, wie er sich endlich etwas entspannte. Daraufhin streckte ich mich ihm etwas entgegen und überbrückte so den Abstand zwischen uns. Zaghaft drückte ich meine Lippen erneut auf seine und ließ meine Hand wieder in seinen Nacken wandern. Zeitgleich erwiderte Edward den Kuss und vertiefte ihn.

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So, damit wären alle überarbeiteten alten Kapitel online. Ab jetzt gibts nur noch was neues ;) Hoffe es war bisher nicht allzu langweilig.

Liebe Grüße
Britt aka cloudlet